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4.14. Günther Geschichten.
4.14.1.(Gü2)Johannes Heinr. Günther-Baltzer
1213.1.1.Kaiserlicher russischer Titularrat (Gü2)Johann Günther, Ritter des St. Wladimirordens, der den erblichen Adel verliehen bekam und seine Gattin (Ba1)Laura geb. Baltzer, Mitau ca. 1930Geboren 1805 oder 1813, gestorben 1881. Sohn des Bürgermeisters (2x) (Gü1)Johannes Günther von Tuschum (Tukum, Kurland), der in der Franzosenzeit für die arme Stadt die Kontribution entrichtet und nicht zurückgefordert hatte. Zur Belohnung erhielt er den "Alexander-Orden" durch den er in den Dienstadel befördert wurde und sich "von" Günther nennen durfte.
Johannes wurde "Rentmeister" (Bürochef) in der Rentmeisterei (Steueramt) des Herzogs von Livland in Talsen. (Eine Art "Departements Sekretär?). Er sei ein gross gewachsener, breitschultriger Mann gewesen, der bis ins Alter seine Freizeit am liebsten beim Fischen zubrachte. Seine Enkel erzählten, dass sie gerne zu ihm auf Besuch gegangen seien, weil der Grossvater immer zum Spassen bereit gewesen sei. Mit seiner Frau (Ba1)Laura Baltzer muss er sich ausserordentlich gut vertragen haben. Man weiss, dass die beiden noch als Grosseltern den Umgangston von Neuvermählten bewahrt haben.
In der Familie Günther und aber auch in der ganzen Familie Voegeli kursierte ein Geschichte, die begründen soll, warum in unserer Sippe immer wieder einzelne Nachkommen so schelmische Schlitzaugen haben:
Etliche Jahre bevor Napoleon in Russland einmarschierte, gab es einen Krieg zwischen den Russen und den Tataren. In diesem Krieg hat ein junger Offizier Günther tapfer mitgekämpft, hat einen Tataren-Hetman gefangen genommen und ihn so anständig behandelt, dass bei Kriegsschluss der Hetman ihn einlud, ihn zu besuchen.
Dabei habe der junge Günther die schöne Tochter des Hetman kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie geheiratet.
Diese junge schwarzäugige Tatarin brachte eine riesen grosse Mitgift in die Ehe. Ein Sohn oder Grossohn dieses Paares (Gü1)J.Günther dieses Paares wurde Bürgermeister der kleinen Stadt Tuckum in Kurland. Er war der reichste Mann der ganzen Stadt. Als nun Napoleon in Russland einmarschierte, hat der reiche Günther mit seinem Geld das Städtchen Tuckum vor der Plünderung gerettet. Dafür bekam er das "Von" vor seinen Namen und ein Schreiben des Kaisers, dass er ihm später einmal das Geld ersetzen würde. Das geschah jedoch niemals!
4.14.2.(Ba1)Laura Günther-Baltzer
Geboren 1803, gestorben 1889. Die kleine, lebhafte, schwarzhaarige Frau wirkte etwas fremdartig im steifen baltischen Beamtenmilieu. Man hätte sie für eine Französin halten können.
Wer heute noch von ihr erzählt, der tut es mit Vergnügen. So weiss Mutter (Gü4.8)Olga Voegeli-Günther zu erzählen, wie ihr Grossvater bei einem Besuch von seiner Frau geneckt wurde. Er hatte sich damals auf einem Sofa zum Mittagsschläfchen ausgestreckt wobei ihn aber die Fliegen plagten. Da stülpte ihm seine Frau unbemerkt eine Fliegenhaube aus der Küche über den Kopf. Als sie ihn dann anrief, setzte er sich rasch auf und sass mit einem Drahthelm bewehrt da, was er mit gutem Humor zu quittieren wusste.
Aus ihren jüngeren Jahren weiss man, dass sie gern und gut tanzte. Es war da in der Nachbarschaft noch eine lebensfrohe Familie Neumann. Da soll es oft vorgekommen sein, dass man noch spät in der Nacht hinübergerufen wurde und ein Tänzchen arrangiert habe. Frau Laura sei zu jeder Zeit gerne aufgestanden, wenn ein Spass in Aussicht gestanden habe. Sie sei denn auch nie richtig "alt" geworden. Mit 86 Jahren sei sie noch frisch gewesen ohne ein graues Haar ins Grab gekommen. Sie ist an Krebs gestorben.
4.14.(Gü3)Johannes von Günther-Gruner
Geboren 14.03.1840, gestorben 26.02.1911. Er kam wie sein Vater in den Staatsdienst. Sein wichtigstes Amt war das eines Direktors des Gefängnisses in Mitau. Nach seinem Rücktritt übernahm er dann das Sekretariat des Müllerverbandes seiner Provinz, das später auch sein Sohn Karl ("Karlusch") verwaltet hat.
Er wird als ein grosser, breitschultriger, brünetter Mann geschildert, der wegen seiner umgänglichen Art überall gerne gesehen war. Mit seinen Kindern konnte er spielen wie ein guter Onkel. Er hatte keine Angst dadurch seine Autorität zu verlieren.
Sein frohes Wesen war wohl ein Erbstück von seiner lebhaften, stets wohl gelaunten Mutter (Laura Baltzer). Man sagt von ihm, er sei - wie diese- jung geblieben bis zu seinem Tode.
Sein Sohn war Schriftsteller und hat die Familiengeschichte Günther sehr schön aufgezeichnet.
Mitauer Geschichte der Familie Günther. Aus dem Buch von (Gü4.10)Johannes von Guenther: "Ein Leben im Ostwind", 1969 Biederstein Verlag, München.
Auf Grund seiner Aufzeichnungen lässt sich das Leben dieser Familie im Zeitraum von 1850 bis ca. 1914 genauer begreifen. Hier ist nur ein sehr kurzer Auszug angelehnt an den Inhalt der ersten 50 Seiten des 487 Seiten umfassenden Buches wiedergegeben, der die wesentlichsten Ereignisse der Familie in diesem Zeitraum berücksichtigt.

Gemäss Reisepass ist (Gü4.10)Emil Friedrich Hans von Günther am 26. Mai 1886 (Russ. Kalender), in Mitau geboren worden (gemäss Europ. Kalender am 14. Mai 1886).
Er nannte sich später als Schriftsteller Johannes von Guenther.
Mitau war damals die Hauptstadt des russischen Gouvernements Kurland und hatte etwa 20'000 Einwohner.
Der Urgrossvater (Gü1)Johann Caspar Emanuel Günther, geb. in Treptov 1760, gest. in Tukum 1819, war von Beruf Weissgerber. Er sei der Sohn eines alten deutschen Hauses gewesen. Aus familiären Gründen sei er Ende des 18. Jahrhunderts aus Pommern eingewandert. Da er von seiner Arbeit habe leben müssen änderte er seinen Namen. Aus seinem bisherigen Vornamen wurde sein Familienname: Guenther. Er heiratete ein Mädchen, das ihm aus Pommern gefolgt war. Caroline Dorothea Spiess, geb. 1788, gest. 1819 (sie zog ca. 1814 nach Moskau).
Er wurde in Tukum, an der Kurländischen Aa (nördlich von Mitau) Bürgermeister und war so wohlhabend, dass er 1812, als Marschall Macdonalds Armee auf dem Vormarsch nach Petersburg zur Flankendeckung der grossen Napoleonischen Armee, die auf Moskau marschierte, Kurland besetzte, die Kriegskontribution für die Stadt Tukum aus eigenen Mitteln bezahlte. Er hat diese Summe nie mehr zurück erhalten.
Der Vater von Hans, (Gü3)Johannes von Günther-Gruner habe ihm, als zwölfjährigem, diese Geschichte 1908 auf einer Dampferfahrt nach Tukum erzählt.
Als der Vater von Hans 1911 starb, fragte sein älterer Bruder (Gü4.2)Karl, der Stadtkämmerer in Mitau war, seinen jüngeren Bruder (Gü4.10)Hans, der damals in St. Petersburg wohnte, Nachforschungen anzustellen, ob das Geld rückforderbar sei. Mit Zinsen und Zinseszinsen hätte das Millionen ergeben. Aber die Forderung war gemäss den Juristen nach 99 Jahren jedenfalls verjährt.
Aber für den Urgrossvater (Gü1)Johann Caspar Emanuel Günther, ging die Geschichte besser aus, denn er wurde vom Russischen Staat mit dem Wladimir-Orden ausgezeichnet mit der Berechtigung dem erblichen Adel anzugehören.
Er wurde, da es im schien zu wenig lang im Lande zu sein, nicht in Mitau vorstellig, sondern liess sich in St. Petersburg in die Matrikel des kleinen Adels eintragen.
Der Grossvater von (Gü4.10)Emil Friedrich Hans von Günther, (Gü2)Johannes Heinrich Günther-Baltzer, geb. 1805 oder 1813, gest.1881, war ein Romantiker und verspekulierte sein Geld. Weil er aber Geld verdienen musste wurde er in Mitau Beamter.
Bis gegen Ende des 19.Jhts. blieben die drei Ostseeprovinzen Kurland, Livland und Estland zunächst unter russischer Oberhoheit rein deutsch, obwohl die eigentliche Bevölkerung des grösseren südlichen Teils aus Letten, die des kleineren nördlichen Teils aus Esten bestand.
Die jungen Balten studierten meist in Deutschland. Man sprach bis zum Ende des 19.Jhts. fast nie Russisch. Die Mutter von (Gü4.10)Hans, (Gr3.6)Lilly Günther-Gruner konnte zum Beispiel nicht russisch.
Aber in St. Petersburg waren viele Minister, Kammerherren und Generäle Balten. Nur wenig Balten haben Russinnen geheiratet.
Die gegen Ende des 19.Jhts. einsetzende Russifizierung bewirkte, dass in den Staatsschulen der Unterricht in Russisch erteilt wurde. Aber die Bevölkerung (Adel, Bürgertum, Kaufleute) sprach deutsch oder lettisch (Bauern, Arbeiter). In Studentenkreisen waren aber die Reichsdeutschen nicht beliebt. In Wirklichkeit estimierten die Balten auch die Russen und Letten nicht, sondern niemand anderen als ihre eigenen deutschen Balten.
Die Balten lebten überhaupt ziemlich abgeschlossen: Stand verkehrte mit Stand: der Adel verkehrte wenig mit den so genannten "Literaten" - so bezeichneten sich alle, die studiert hatten: Ärzte, Pastoren, Rechtsanwälte, Lehrer. Die Literaten verkehrten nicht mit den Kaufleuten. Mit Letten verkehrte man prinzipiell nicht. In jedem dieser Kreise heiratete man nur unter sich.
Der Russifizierungsdruck nahm zu, in allen Städten lagen russische Regimenter, alleine in Mitau drei.
Wie der Grossvater (Gü2)Johannes Heinrich Günther-Baltzer von (Gü4.10)Hans, wurde auch sein Vater (Gü3)Johannes von Günther-Gruner Beamter.
Er war ein umgänglicher Mensch, machte überall mit, war Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr, Präsident des Ruderklubs, aber es wurden nie grosse Gesellschaften bei ihm gegeben.
Dem Entlassungsschreiben aus dem Dienst (Q10K) ist zu entnehmen, dass er vom erblichen Adel stammt. Weder er noch seine Frau besuchten das Mitausche Gymnasium. Seine Beamtenlaufbahn war wie folgt:
Er trat am 19.01.1859 als Gehilfe des Mitauschen Gefängsnisaufsehers in Dienst und wurde am 02.02.1865 vom Kurländischen Gouvernements-Komité zum Mitauschen Gefängnis-Aufseher befördert. Nun wohnte er in einer eigenen Villa innerhalb der Gefängnismauern, fast unmittelbar am Ufer der Drixe, so hiess der Arm der Kurländischen Aa, die bei Mitau eine Schleife bildet. Auf der Insel, die sie umschloss, lag das Regierungsgebäude und das grosse herzogliche Schloss, darum herum die mächtigen Kastanienbäume, die längs dem Ufer standen, die grossen gelben Wasserrosen im Fluss und der unendliche Flieder im Frühling, lila, purpurrot und weiss.
Es folgten weitere Auszeichnungen und Beförderungen, so 1868 zum Gouvernements-Secretair, 1871 Auszeichnung mit dem Orden des St. Stanislas III.Klasse und Beförderung zum Collegien-Secretair, 1874 zum Titularrat, 1877 zum Collegien-Assessor, 1880 zum Hofrat und 1886 die Auszeichnung mit dem Orden der St. Anna III.Klasse.
1216.1.(Gr.3.6)Lilly von Günther-Gruner, die erste Frau von (Gü3)Johannes von Günther, sie starb 1882In Mitau wurden auch alle seine Kinder geboren, mit der ersten Frau (Gr3.6)Lilly Gruner acht (Gü4.1 - Gü4.8) und nach deren Tod 1882 mit seiner zweiten Frau Olga Friedrichson zwei (Gü4.9 und Gü4.10), davon als letztes Kind (Gü4.10)Emil Friedrich Hans von Günther.
(Gü3)Johannes von Günther-Gruner war offenbar ein sehr humaner Beamter und liess die Gefangenen Geld verdienen. Von einem Polizisten bewacht, durften sie allerhand Arbeiten für die Stadt und Kaufleute verrichten, was ihnen ihr Los erleichterte. Das war so Aufsehen erregend, dass der Minister des Inneren aus St. Petersburg anreiste um sich diese Sache anzusehen. Die Idylle endete aber als der Direktor einem aus altem kurländischem Geschlecht stammenden Gefangenen, der wegen einem Duell einsass, erlaubte, ihn und seine Kinder auf kleinen abendlichen Kahnpartien zu begleiten. Weil er mit ihm befreundet war, erlaubte er ihm auch die meiste Zeit in seinem Haus zu verbringen.
Diese offenbar ungehörigen Zustände wurden der Regierung gemeldet, was eine Versetzung nach Windau zur Folge hatte.
Der wichtigste Familienfreund, der grosse schwarze Neufundländerhund durfte die Familie an den neuen Dienstort begleiten.
Versetzung nach Windau:
Auf den 1.09.1888 wurde er zum Windauschen Stadtpolizei-Pristav ernannt.
Windau war eine kleine, aber wichtige Hafenstadt an der Ostsee. Sie hatte kaum 5000 Einwohner. Von dort wurden Kartoffeln, Getreide und Holz nach Deutschland und England verschifft. Als Polizeimeister war er nun für die Ordnung im ganzen sehr ausgedehnten Landkreis zuständig.
Sein Dienst war nicht einfach: Betrunkene Englische Matrosen in den Hafenkneipen, der Kampf mit dem Schmuggel, die tägliche Kontrolle des Marktes,
Nach den schweren russischen Missernten 1892/93 hatte die Regierung angeordnet, dass keine Nahrungsmittel ausgeführt werden durften, da es darauf ankam, die Not in den Wolgagebieten zu lindern. Da aber lettische Bauern in England höhere Preise erzielten, lehnten sie sich auf und rotteten sich zusammen. Sie besetzten den Hafen, vertrieben die Polizisten und belagerten das Polizeigebäude. Sie liessen niemanden hinein oder hinaus. Nur ihn als Polizeichef mit seinem unnahbaren Neufundländer
liessen sie passieren, damit er seine Inspektionsgänge machen konnte.
Die Familie litt keine Not, da die Polizei autark war. Die Mutter hatte alle Polizisten aus dem Küchengarten und den Vorräten zu verpflegen.
Da die Bauern nicht nachgaben liess der Gouverneur in Riga die Kosaken einsetzen.
Seit Jahrhunderten gab es am Dnjeper am Don, an der Wolga und am Uralfluss militante Bauernsiedlungen, deren männliche Bevölkerung im Kriegsfall oder bei Einberufung Militärdienst leisten mussten. Als berittene Bauern, die im Laufe der Zeit zu Hilfstruppen der Polizei wurden liessen sie sich zum Niederschlagen von Unruhen einsetzen. Allerdings gab es auch für andere Aufgaben elegante Leibgarden-Kosakenregimenter, ohne Bauern.
Diese Bauernkosaken auf ihren kleinen zottigen Pferdchen trabten nach knapp einer Woche an und schon war der Aufruhr beendet. Sie kampierten vor dem Polizeigebäude und die Pferdchen liessen sich von allen Kindern verwöhnen.
Der Neufundländer begleitete den Papa oft auf die Marktinspektion und erbettelte sich oft von einem Fleischer einen Knochen mit Fleisch. Nach einem Schlaf im Schatten erstieg der faule Hund selbst eine Droschke und liess sich zum Polizeiquartier fahren. Keiner hätte gewagt dem Hund die Fahrt zu verweigern. Papa hatte dann den verlegen grinsenden Kutschern die Fahrt zu bezahlen.
Diese Art von Polizeidienst hatte (Gü3)Johannes von Günther-Gruner nie befriedigt, er war kein Polizeimensch obwohl er nun bereits in den Rang eines Oberstleutnants aufgestiegen war.
Am 11.09.1893 liess er sich krankheitshalber aus dem Dienst entlassen.
Er hatte während seiner Dienstzeit nichts zurücklegen können und seine Rente war klein und die Familie gross.
Die zwei ältesten Knaben (Gü4.2)Karl und (Gü4.4)Alexander hatten das Mitauer Gymnasium absolviert und die drei ältesten Mädchen (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antoine, (Toni) (Gü4.7)Hermine Olga (Lore) und (Gü4.8)Olga Maria (Lala) gingen ins Mädchengymnasium und die jüngste Tochter (Gü4.9)Marie Natalie Lusa besuchte mit einigen adligen Mädchen einen deutschen Privatkurs.
Übersiedlung nach Mitau:
Im Spätherbst 1893 erfolgte der Umzug von Windau zurück nach Mitau. Mit grossen Reisewagen fuhr man nach Tukum. Die Fahrt bei Nacht mit Reiseproviant und Kopfkissen, Decken und Reisefieber war für alle Kinder ein echtes Abenteuer. Dann mit der Eisenbahn nach Thorensberg bei Riga, das Frühstück auf dem Bahnhof, dann umsteigen und die zweistündige Eisenbahnfahrt nach Mitau.
Im ersten Stock eines geräumigen Haus an der Schreiberstrasse 50(?) mit wahren Reitställen von Zimmern bezog die Familie Quartier. Ein riesiger Garten gehörte dazu.
Dank seinem guten Namen fand (Gü3)Johannes von Günther-Gruner bald einen guten Posten. Eine amerikanische Versicherungsgesellschaft, die Equitable aus New York wollte in Kurland Fuss fassen und gewann ihn als Vertreter. Schon ein Jahr darauf kaperte ihn ein inländisches Unternehmen, das ihm Gewinnbeteiligung zugestand.
In seinem eigenen Zimmer konnte er ungestört Arbeiten, Zeitung lesen und rauchen. Er rauchte an die vierzig dicke meist selbst gestopfte Papirossy-Zigaretten, abwechselnd mit Zigarren und Pfeifen.
Er kam weit herum, weil er auf dem Lande alle grösseren Brandfälle persönlich begutachten musste, was zuweilen mit kriminalistischen Ermittlungen verbunden war, die ihm Spass machten.
So bildete sich bald ein Grundstock zu einem kleinen Vermögen.
Die russischen Schulen jener Zeit bestanden aus sieben Klassen und zwei Vorbereitungsklassen. Die Eltern beschlossen (Gü4.10)Emil Friedrich Hans von Günther die Vorbereitungsklassen in einem Privatinstitut absolvieren zu lassen und ihn erst danach eine der grossen Schulen besuchen zu lassen.
Natürlich war auch dieses Privatinstitut auf der russischen Sprache aufgebaut, obwohl alle zwanzig Buben, die dort unterrichtet wurden, Kinder deutscher Eltern waren. Das Ende seiner Vorbereitungsschulzeit ca. 1895 fällt mit dem Umzug in eine neue Wohnung zusammen.
An der Lilienfeldstrasse die vom grossen Marktplatz nach Westen abbiegt befand sich unmittelbar neben dem lettischen Klub mit seiner modernen Radrennbahn, ein weiteres Holzlager, vor dem in einem grossen Garten ein weitläufiges Gebäude errichtet war. Die eine Hälfte des Gebäudes zu ebener Erde nebst dem einstöckigen Westflügel - im ganzen acht Räume - wurde von der Familie bezogen. (S.22, "Ein Leben im Ostwind")
In den Schulen wurde Uniform getragen. Die Gymnasiasten trugen hellgraue Anzüge mit schwarzem Gürtel nebst silberner Schnalle, hellgraue Mäntel mit Silberknöpfen und hellgraue Mützen mit Silberkordel. Die Realschüler trugen Schwarz und Gold und die Kommerzschulen Dunkelgrün und die Mädchengymnasien (ohne Latein und Griechisch) Braun.
Eine Staatsschule beherbergte etwa 400 bis 500 Jungen in Parallelklassen mit je etwa 35 bis 40 Buben. Was man lernte, lernte man halt, der Unterricht konnte nicht auf den einzelnen eingehen.
Zuhause war man betont kirchengläubig, betont lutherisch und spöttisch herablassend gegenüber dem Katholizismus und der griechischorthodoxen Kirche. Atheismus war verpönt. Natürlich ging man jeden Sonntag in die Kirche, aber sonst hatte man zum Glauben kein Verhältnis. Dafür gab es eine freundliche und wohltuende Art praktischen Christentums, hilfreiche Herzen und offene Hände.
Der Tagesablauf der Gymnasialzeit war wie folgt: um dreiviertel neun begann die Schule. Es folgten fünf Lektionen von 50 Minuten und drei Pausen von 10 Minuten und am Mittag eine von 30 Minuten. Um zwei Uhr ging man nach Hause zu einem späten Mittagessen. Um fünf gab es einen Tee und um acht Uhr das Nachtessen. Um halb Elf zogen sich die Eltern zurück, die Kinder hatten vorher zu Bett zu gehen.
Der Abend verging bei Petrollampenlicht. Geheizt wurde mit Holz. Es gab nur Klosetts ohne Wasserspülung und klein geschnittenes Zeitungspapier.
Es gab drei Ferienzeiten, vierzehn Tage zu Weihnachten, vierzehn Tage zu Ostern und zweieinhalb lange Monate im Sommer, im Juni, Juli, August und zudem viele Feiertage; unzählige russische Kirchenfeiertage und Staatsfeiertage: Kaiserkrönung, Geburtstage von Kaiser und Kaiserin, des Thronfolgers usw.
Hausaufgaben gab es nicht.
Kinder ältester Adelsfamilien lernten mit halben Zigeunern in der gleichen Klasse und kein Fürst Lieven, kein Graf Lambsdorff wurde in irgendeiner Weise vorgezogen. Selbst die Deutschen wurden nicht bevorzugt, denn vier Fünftel waren Letten. Der Anteil Russen und Juden war gering.
Insgeheim begann (Gü4.10)Emil Friedrich Hans Theaterstücke und Gedichte zu schreiben. Schon sein älterer Bruder (Gü4.4)Alexander (Sascha) Hugo Günther, war gar nicht zur Freude des Vaters zum Theater gegangen und wollte nun seine langjährige treue Verlobte heiraten. Papa willigte endlich ein und man feierte in Mitau zuhause das grosse Ereignis.
Unglücklicherweise wurde (Gü4.10)Hans Zeuge einer Brandstiftung durch einen Nachbarsjungen und konnte die Feuerwehr alarmieren. Da er den Brandstifter erkannt hatte konnte er ihn verzeigen. Aber als unmündiger Zeuge wurde er vom Gericht nicht anerkannt. Danach wurde er und der Vater von Letten immer mehr bedroht, so dass der Vater entschied bald umzuziehen.
Wieder an der Schreiberstrasse fand die Familie 1899, unweit der früheren Wohnung sechs grosse Wohnzimmer und einen weitläufigen Garten.
Zur grossen Freude wurde an der Schule ein Theaterstück, der Tell, aufgeführt, bei dem Hans eine massgebliche Rolle spielen konnte.
Der Direktor der Schule erhielt einen Rüffel, dass er diese pro deutsche Manifestation zugelassen habe und musste gehen.
Ungefähr im Jahr 1902 begann Hans mit der Redaktion einer Schülerzeitung, die allerdings nur handschriftlich herauskommen konnte. Seine Schwester Lala, (Gü4.8)Olga Maria steuerte die Zeichnungen dazu bei. Es erschienen drei Hefte im Quartformat.
Im Jahr 1902 fand der Vater an der Peterstrasse 8 eine neue Wohnung, wo er ebenfalls nahe seinem Büro war. Auch hier hatten sie einen grossen Garten.
Der Verband der Müllereibesitzer der Ostseeprovinzen trat an (Gü3)Johannes von Günther-Gruner heran ob er nicht eine Art von Generalsekretär werden, um die jährlichen Generalversammlungen zu leiten und die Interessen des Verbandes beim Generalgouverneur in Riga und bei den Ministerien in St. Petersburg vertreten könnte. Damit war eine erkleckliche Nebeneinnahme verbunden. Zudem wurde er, nachdem der ziemlich unsportliche Mann dem exklusiven Mitauer Ruderklub beigetreten war, zum Klubpräsidenten gewählt. Man besass ein eigenes Klubhaus, verfügte über mehrere moderne Ruderboote, führte ein feudales Klubleben, ja man hatte sogar einen unendlich soignierten Klubdiener. Von dort brachte der Vater hin und wieder ein paar Droschken voller junger Leute mit. Zum Schrecken der Mutter aber zur Freude der vier Schwestern die sich mit den jungen Männern flirtend mit Pfänderspielen vergnügten.
Im Winter 1902 - 1903 verheirateten sich die vier Schwestern. Die jüngste (Gü4.9)Marie Natalie Lusa heiratete einen Mitauer Seifenfabrikanten Exner und die drei älteren Schwestern heirateten drei Schweizer, (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antonie (genannt "Toni") einen Gutsverwalter in Weissrussland (V10.6)Theophil (Theddy) Alexander Edmund Voegeli, (Gü4.8)Olga Maria (genannt "Lalla") einen Kaufmann in Wladiwostok (V10.7)J.C.R. Voegeli und (Gü4.7)Hermine Olga (genannt "Lore"), einen Ingenieur (V10.8)Constantin Voegeli.
(Ende der Zusammenfassung aus dem Buch "Ein Leben im Ostwind")
(Gr.3.6)Lilly Gruner, seine 1. Frau war die schönste und jüngste Tochter ihrer Eltern. Alle ihre Geschwister hatten fuchsrotes Haar, nur sie allein war kastanienbraun mit einem rötlichen Hauch auf dem Haar, wenn die Sonne drauf schien. Und dazu hatte sie Locken, die in schweren Wellen, nicht nur gekraust, ihren feinen Kopf umgaben. Lilly Gruners Eltern waren gar nicht damit einverstanden, dass sie ihren Zukünftigen heiraten solle. Er war ihnen irgendwie „zu wenig gut" für ihre schöne Jüngste. Aber die Liebe dieser beiden Menschen siegte dann doch.
Eigentlich war sie den Erzählungen nach die beste und liebste Mutter, die man sich denken konnte – umso erstaunlicher ist es, dass Toni ihren Kindern auch erzählt hat, wie schmerzlich es war, dass sie mit 3 Jahren für eine Unart, an der sie unschuldig war, von ihrer Mama und dem Papa abwechselnd mit einer Rute geschlagen worden ist – um quasi den Eigensinn des kleinen Mädchens zu brechen! Dabei war sie nicht eigensinnig, sondern hatte die Wahrheit gesagt! Also kann sich sogar die beste Mutter schwer irren.
Sonst weiss Hansi nur noch, dass Mama Lilly Blumen, ja Rosen, sehr liebte, und von allen Rosen immer die Blättlein in einem seidenen Säcklein aufbewahrte. Als sie mit etwa 36 Jahren starb, da legte man ihr unter den Kopf in den Sarg dies kleine duftende Rosenkissen.
Wie die liebe (Gr3.6)Lilly Günther-Gruner starb. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer einen Käfig mit Turteltauben, hoch an der Wand. Da ist sie ((Gü4.3)Tante Toni war damals 9 ½ j.) um diese Tauben zu füttern auf ein Bänkchen gestiegen, ausgeglitten und gestürzt. Sie war schwer in Erwartung ihres 9. Kindes – 36 Jahre alt – es kam zu einer Früh-Totgeburt, und sie ist verblutet – war bei Besinnung bis zuletzt. Ein furchtbarer Schock. (Gü4.8)Olga Günther war damals etwa 13 Monate alt.
Dann kamen Haushälterinnen und Dienstmädchen ins Haus, stahlen wie die Raben, alles ging drunter und drüber. Der Vater war vor Verzweiflung wie blind.
Als (Gr.3.6)Lilly von Günther-Gruner starb hatte jedes Kind 6 Hemden, Hosen, Unterröcke usw. nach kurzer Zeit hatten sie von jedem nur noch 2 Stück. Mami hatte eine schöne rote Korallenkette, die bettelte ihr das Mädchen ab – gab sie nie mehr zurück.
Kurz vor Weihnachten wurde ein dickes Schwein geschlachtet, die sog. Handkammer war voller Würste usw.. Die Haushälterin bat, ob sie ein kleines Fresspäckchen ihrem Neffen schicken könne. Grosspapa (Gü3)Johannes sagte Ja. Grosspapa (Gü3)Johannes sah ein, dass es so einfach nicht weiterging, da er wusste, dass Olga Friedrichsen ihn im Stillen liebte bat er sie um Hilfe. Aber sie wollte gern geheiratet werden, nicht Haushälterin sein. In seiner Not heiratete er sie Anfang Januar – also ca. 7 Monate nach dem Tode seiner geliebten Lilly. Er sagte ihr, dass die Handkammer voll sei von allerlei Gutem – als sie von der Hochzeit heimkamen – war alles leer. Etwa 14 Tage nachdem das Schwein geschlachtet worden war – war alles fort. Es ist unverständlich, wie Menschen andere Menschen begaunern können.
Olga Friedrichsohn stammte aus 1. Ehe ihrer Mutter die dann nach dem Tode des Mannes einen Herrn Freischütz geheiratet noch 2 Söhne hatte – vielleicht noch mehr Kinder, von denen man nichts weiss. Der ältere Sohn, Onkel Emil Freischütz, war Apotheker in Mitau. Er hatte ein widerliches Weib, Tante Alice, sie hatten 2 Söhne – Helmut und Wilmar. Dort sind (Gü4.3)Tante Toni und ihre Kinder oft zu Besuch gewesen. Helmut und Wilmar waren einige Jahre älter als die Kinder von Olga Günther-Friedrichsohn. (Gü4.3)Tante Toni erzählte grässliches von dieser Alice: Sie erwartete ihr 3. Kind, kurz vor der Geburt wusch sie die Fenster, reckte und streckte sich – Onkel Emil kam dazu und war ausser sich vor Entsetzen. Dann kam das Töchterchen tot zur Welt die Nabelschnur um den Hals gewickelt – erdrosselt. Wilmar hatte als Kleinkind Krämpfe, lag ohnmächtig mit Zuckungen am Boden – seine Mutter prügelte ihn so lange bis er zur Besinnung kam... Im 1. Weltkrieg ist dies Weib mit einem reichsdeutschen Offizier nach Deutschland durchgebrannt. Helmut hat uns später einmal in Riga besucht. Aber sonst weiss man nichts mehr von ihnen.
Wie kam es eigentlich zur Bekanntschaft mit der Familie Voegeli deren drei Söhne die drei Günther-Töchter „Toni, Lala und Lore" geheiratet haben?
Dadurch, dass die zweite Frau von (Gü3)Johannes von Günther, Olga Friedrichsohn, jahrelang vorgängig bei (V9.4)Voegelis als Hauslehrerin oder Hausdame gearbeitet hatte, lernten Günthers die Familie (V9.4)Voegeli kennen. So wurde diese Bekanntschaft fortgesetzt.
(Gü4.8)Olga Günther hat immer und immer nur (V10.7)Jeannot Voegeli, geliebt. Tante (Gü4.7)Lore Günther schwankte zwischen Onkel (V10.8)Conny und dem Schweden Bowik. Bowik hat bis zu seinem Tode ihr Briefe geschrieben und Fischkonserven geschickt und ist ledig geblieben. Sie hat (V10.8)Conny oft damit geärgert. Als ich 18 Jahre alt war, kam Bowik uns alle in Riga besuchen. Damals war er so entsetzt über die kreischende Stimme von Erika, der Tochter von Conny, dass er zu (Gü4.3)Tante Toni sagte, warum hat die schöne (Gü4.7)Lore nicht eine Tochter wie Hansi, die Tochter von Tante Toni.
Es ist so viel immer wieder über die böse Stiefmutter geredet worden – aber sie muss es verrückt schwer gehabt haben, als sie (Gü3)Johannes heiratete. Und einmal hat (Gü4.3)Tante Toni erzählt, dass sie als etwa Dreijährige von beiden Eltern für eine Sache, die sie nicht gemacht hatte, abwechselnd mit einer Rute geschlagen worden sei, weil sie ihre Unart nicht zugeben wollte. Also ist auch die vergötterte Mama (Gr3.6)Lilly kein Engel gewesen. Dazu kommt noch, dass die Stiefmutter Olga Friedrichsohn vorher jahrelang bei Voegelis war, wo ja (Gr3.6)Lilly Vögeli immer gleich alle Kinder prügelte, wenn eines ungezogen war. Das hat (Gü4.3)Tante Toni immer wieder erzählt – also da hatte sie kein gutes Beispiel gehabt. Später, im Alter hat ihre Stiefmutter (Gü4.3)Toni einmal direkt um Verzeihung gebeten – sie wisse, dass sie keine gute Mutter gewesen sei. Sie söhnten sich aus. (V10.6.1)Hansi hat diese Grossmutter sehr bevorzugt, sie war die Einzige, der sie ihre Märchen und Gedichte immer zeigen und vorlesen konnte – und die ihr zuredete weiter zu schreiben. Nur zu einem ganzen Buch langte es (V10.6.1)Hansi nie – was gedruckt worden ist, waren nur viele kleine Erlebnisse. Damit verdiente sie Geld nach Fredy Feldmanns Tod. Sie hatte immer versucht ein Buch zu schreiben, betitelt „So war Mutter" – es blieb unvollendet.
Wenn man ein Kind ist, dachte Toni, die Grossen haben es leicht, sie wissen alles, was man tun darf und was nicht. Und wenn man etwas älter wird, so merkt man mit grossem Erstaunen, dass auch die Grossen oft Dinge tun, die „Unartig" sind. Aber sind wir Menschen denn Engel? Leider nein – und unter uns weilte nur einmal Einer in Menschengestalt, der nie etwas Unrechtes getan hat – Jesus. Wir Menschen aber haben alle unsere Mängel. Und oft tut einem im Alter vieles weh was man in der Jugend getan hat. Wenn Stiefmama Olga in ihrem Alter Hansi Briefe schrieb, so unterzeichnete sie oft mit „Deine unartige Omama" –
Zurzeit als Mama (Gr.3.6)Lilly noch lebte, sind einmal alle Geschwister fotografiert worden. Später einmal fragten die Kinder, wo dies Bild geblieben sei, denn jeder von ihnen hätte gern eins gehabt. Da waren sie ganz starr vor Trauer, als Mama Olga einfach sagte: ich habe es zerrissen und weg geworfen! So existiert eigentlich nur das ovale Gruppenbild von Papa, Mama Lilly, dem 3jährigen Karluscha und der 2jährigen Toni. Wer weiss, in welcher Gemütsstimmung die arme Stiefmama Olga gerade war, als sie dies Foto vernichtete?? Leicht machten es ihr die Stiefkinder ja nicht gerade. Sie selbst hatte den Papa sehr geliebt, schon lange im Herzen getragen – doch er konnte seine erste Frau Lilly nicht vergessen – und es muss recht schwer für Olga gewesen sein, dass immer über Papas Schreibtisch die grosse Fotografie der ersten Frau hing.
4.14.4.(Gü4.2)Karl, Friedrich, Wilhelm Günther-Exner (Onkel Karlusch)
Er liebte seine erste Frau Jenny innig, sie war (Gü4.3)Tonis liebste Freundin. Dann erwartete sie ein Kindchen und begann am ganzen Körper sehr anzuschwellen – doch ihr Hausarzt begriff den Grund nicht. Bei der Geburt des kleinen Sohnes starb sie an schweren Nierenkrämpfen zusammen mit dem Kindchen. Dann hat (Gü4.3) Toni ihrem Bruder längere Zeit den Haushalt geführt, ist ihm beigestanden. Im gleichen Jahr ist ebenfalls bei der Geburt des 1. Kindes eine zweite Freundin von (Gü4.3)Toni gestorben – so wollte (Gü4.3)Toni durchaus nicht heiraten. Sie hatte Angst.
Wie Onkel Karluschas erste Frau hiess, weiss man nicht, man kennt nur das Monogramm, das in (Gü4.3)Tonis Teelöffeln hinten eingraviert ist: A. & O. K.. Diese Eltern schenkten die Löffel Toni zur Hochzeit.
Elisabeth Exner umschwärmte Onkel Karluscha schon lange, aber er wollte nichts von ihr wissen. Sie war die Schwester von Fritz Exner, einem Seifensieder, dem ersten Mann von Lusa.
Und dann hatte es Elisabeth Exner doch noch geschafft, dass Karluscha sie heiratete – und sie hatten fünf Kinder: Karin, Helmut, Benita, Ellen und Herbert.
4.14.5.(Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antonie Voegeli-Günther (Toni)
Geboren 5.12.1872 in Mitau, gestorben 1958 in Affoltern a. Albis. (siehe Geschichten Voegeli Nr.4.3.5.2. und 4.9.5)
4.14.6.(Gü4.7)Hermine Olga Voegeli-Günther (Lore)
Geboren 20.09.1879 in Mitau, gestorben, 19.11.1970 in Stäfa. (siehe Geschichten Voegeli Nr.4.3.7.3)
4.14.7.(Gü4.8)Olga Maria Voegeli-Günther (Lalla)
Geboren 27.05.1881 in Mitau, gestorben 27.05.1955 in Basel (siehe Geschichten Voegeli Nr.4.3.6.3. und 4.10)
4.14.8.(Gü4.9)Marie Natalie Lusa Exner-Günther
4.14.8.1.Jugend
Unterdessen war die kleine Lusa zur Welt gekommen Mama Olga erstes Kind und sie liebte es sehr. Desto unverständlicher erscheint diese kleine wahre Episode, aber sie ist (V10.6.1)Hansi von mehreren Seiten bestätigt worden. Es war Winter, und die kleine Lusa muss noch sehr klein gewesen sein – Hansi weiss nicht genau wie alt, nur konnte sie schon herumlaufen. Da es draussen zu kalt war um herum zu toben, so tobten alle Geschwister wie die Wilden durchs ganze Haus und waren alle nass verschwitzt und in Saus und Braus – das wurde der armen Mama Olga zu viel. Plötzlich gebot sie Schluss, packte die kleine verschwitzte Lusa, steckte sie in die kalte Handkammer und schrie den andern Kindern zu: Wenn Lusa stirbt, so seid ihr daran schuld! Erst waren die Kinder wie erstarrt vor Entsetzen. Dann rannte (Gü4.3)Toni ins Büro zum Papa (Gü3)Johannes von Günther-Friedrichsohn und erzählte ihm in fliegender Hast alles. Ausser sich vor Schreck lief Papa in die Wohnung, riss die Tür zur Handkammer auf, packte die kleine frostbebende Lusa und soll seiner Frau zugerufen haben: Wenn dies Kinde stirbt, verlässt du am gleichen Tag mein Haus! Lusa bekam eine schwere Lungenentzündung, aber blieb am Leben. Die arme Mama Olga hatte es wahrhaftig nicht leicht mit soviel wilden Stiefkindern und dass ihr manchmal die Geduld riss, ist nur verständlich. Dennoch – nun ja – manchmal tut man etwas, das einem später elend leid ist. Lusa hat in ihren alten Tagen oft behauptet: Sie hat mich noch weniger gut behandelt als euch. Sie liebte ihre Mutter leider nicht.
4.14.8.2.Erste Ehe mit Fritz Exner
Sie heiratete in 1. Ehe Fritz Exner, weil sie (V10.8)Conny Voegeli liebte – er aber von ihr nichts wissen wollte. Sie heiratete aus Trotz.
Nun muss Hansi leider einen heiklen Punkt berühren, den alle Töchter der Mama (Gr3.6)Lilly ihrer Stiefmutter Olga vorgeworfen haben – das Silberzeug! Mama Lilly hatte viel schönes Silber (Löffel etc.) mit in die Ehe gebracht, es war mit L.G. gezeichnet – und alles bekam (Gü4.9)Lusa Günther zu ihrer Hochzeit – scheinbar weil ihr Monogramm L.G. lautete. Aber das hätte Stiefmama Olga doch nicht tun dürfen. Lusa hat es von den Stiefschwestern oft zu hören bekommen... Nun ja, die arme Lusa konnte ja nichts dafür. Es geschah ja nur aus Liebe zum eigenen Kind.
4.14.8.3.Zweite Ehe mit Erich Feldmann
Nach 2 Jahren liess Lusa sich scheiden. Damals war das alles kirchlich, sie bekam zur Strafe von der Kirche den Befehl 5 Jahre lang nicht wieder zu heiraten. Aber unterdessen hatte sie Erik Feldmann, einen stud. jur., kennen und lieben gelernt. Erik Feldmann war zusammen mit (Gü4.10)Hans in Dorpat um zu studieren. Damals gab es noch keine Universität in Riga, alle Deutschbalten studierten in Dorpat. Es ist eine reizende Universitätsstadt, alles voll Rosen. Eines Tages tauchte Lusa bei (Gü4.10)Hans von Günther auf und verlangte von ihm sein Zimmer zu räumen – sie blieb bei Erik Feldmann – und es entstand 1907 Erich, "Ricco". Als Ricco unterwegs war, hat Toni ihren Vater angefleht, für Lusa um eine Heiratserlaubnis in der Kirche zu bitten. Er wollte erst nichts davon wissen, war sehr böse – aber (Gü4.3)Toni liess nicht locker, sie hat immer den Geschwistern zu helfen versucht. Und so heiratete (Gü4.9)Lusa als Ricco etwa im 5. Monat war.
Der jüngere Sohn, Carlo Freischütz, war der Liebling der Mutter von Olga von Günther-Friedrichsohn. Leider ein versoffener Liederjahn. Er warb lange um (Gü4.3)Toni. Toni liebte seine Mutter sehr – sie muss ein reizender Mensch gewesen sein. Sie versuchte (Gü4.3)Toni – gegen den Willen des Vaters von Toni – mit ihm zu verloben. Es hiess, durch ihre Liebe könne sie ihn vom Saufen retten. Kurze Zeit glaubte (Gü4.3)Toni auch diesen Unsinn – sie wollte es der Grossmutter zu Liebe wagen. Dann hörte sie dass Carlo eine „Frau zur Linken" habe und auch schon Kinder. Da wollte sie nichts mehr von ihm wissen.
Jahre später, in Riga, lange nach (V10.5)Teddy Voegelis (ihres Vaters) Tode, besuchte sie ein ehemaliger Jugendfreund von beiden und hörte, wie er (Gü4.3)Toni Vorwürfe machte, sie hätte Carlo auf dem Gewissen.
Übrigens besass Toni als Hochzeitsgeschenk von ihrer Schwester Olga (Lalla) einen in Ölfarben gemalten kleinen Wandschoner aus Wachstuch, der jahrelang über ihrem Waschtisch angebracht war. Seerosen mit grünen Blättern auf einem Teich, sehr zart und reizend das Ganze. Toni liebte Seerosen sehr. Ob wohl (V11.5)Elli Huber-Voegeli von ihrer Mutter Olga (Lalla) die Liebe zur Malerei geerbt hat?