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4.2. Nachkommen von (V8.4)Balthasar Voegeli
209.(V9.4)JohannBalthasar Voegeli- Drescher und links
211.(Dr2.2)Amalie Voegeli-Drescher. Foto von ca. 1910 4.2.1. (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher.
(Vide Vögeli Nr. 254) geb. 28.6.1838 und getauft am 31.07.1838 in Alt Kroppenhof. Seine Taufpaten waren gemäss Kirchenbuch der Viehzüchter (V8.9)Johann Voegely, ein jüngerer Bruder von Balthasar und vier weitere Paten. Er starb am 12.2.1921 in Braunwald. Heirat am 31.05.1864 in Kokenhusen mit (Dr2.2)Amalie Drescher von Fistelen Livland geb. 11.4.1840 gest. 2.11.1910 in Bilderlingshof. (In anderen Quellen wird als Ortsname Festehlen statt Fistelen aufgeführt)
Sie hatten zuerst ein Zwillings-Mädchenpaar. (V10.1)Emilie Clothilde (Miezing) Voegeli die 7jährig an Diphtherie starb und (V10.2)Johanna Amalia Voegeli (Hanna). Sie war die Lieblingsschwester von (V10.6)Theophil Alexander Eduard (Theddy). Sie war die Patin von seinem einzigen überlebenden Kind (V10.6.1)Johanna Lilly Voegeli (Hansi).
Nach den Zwillingen kam sehr bald (V10.3)Anna Elisabeth Voegeli (Ella) zur Welt, danach ein Brüderchen (V10.3a)Paul Voegeli das klein starb. Dann (V10.4)Maria Theophila Voegeli (Marie) und
dann die einzige unverheiratet bleibende der Familie, (V10.5)Augusta, Ernestina Voegeli (Gustchen) und erst dann die 3 Söhne, die später die drei Günther-Mädchen heirateten:
1. (V10.6)Theophil Alexander Eduard (Theddy) der (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antonie Günther (Toni),
2. (V10.7)Johann Carl Richard Voegeli (Jeannot) der (Gü4.8)Olga Maria Günther (Lalla) und
3. als Jüngster (V10.8)Eugen Reinhold Constantin Voegeli (Conny), der (Gü4.7)Olga Hermine Günther (Lore) heiratete.
(V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher wäre eigentlich am liebsten Handwerker geworden. Er blieb aber wie sein Vater bei der Landwirtschaft. Er übernahm nach seiner Heirat 31.05.1864 mit einer Deutsch-Baltin (Dr2.2)Amalie Drescher von Fistelen (Livland) zwischen 1865 und 1871 bis Mitte der Neunzigerjahre die Pacht vom Gut Eichenhof einem Beigut zum Gut Kroppenhof.
Gemäss der Angaben aus den Kichenbüchern wurde (V10.2)Johanna Amalia Voegeli am 24.05.1865 noch in Alt Kroppenhof getauft und (V10.3)Anna Elisabeth Voegeli am 17.07.1866. Erst (V10.4)Maria Theophila Voegeli wurde (gemäss Kirchenbuch Nr. 10, Bl. 51) am 29.08.1869 in Eichenhof-Kroppenhof getauft. Das lässt darauf schliessen, dass (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher mindestens bis 1866 auf dem Gut seines Vaters Alt-Kroppenhof tätig gewesen war und erst danach die Verwaltung und Pacht des Gutes Eichenhof übernahm. In anderen Quellen wird er 1865 und 1866 noch als Tischler erwähnt, 1869 dann als Arrendator (Pächter) und 1871 als Pächter.
Er war am liebsten in der Käserei und in der Werkstatt. Obwohl er in Livland aufgewachsen war, hatte er die Gewohnheiten der Glarner-Kleinbauern bewahrt. So fabrizierte auch er selber den Schabzieger, wie es sein Vater ihm gezeigt hatte. Diesen verkaufte er dann unter dem dort bekannteren Namen "Grünkäse". Er konnte vieles und sehr geschickt schreinern – nur war es ihm lieber am Kartentisch mit Verwandten gemütlich zusammen zu sitzen statt z.B. den Gartenzaun auszubessern, damit nicht die Rehe alles anknabbern kämen – und zur Verzweiflung seiner überfleissigen Frau Amalie ging daher manches kaputt.
Einige sauber ausgearbeitete Möbelstücke, die der Familie lange gedient haben, zeugen davon, dass er ohne eigentliche Lehre den Schreinerberuf gut beherrschte. Er schreinerte selbst das erste breite Kinderbettchen für seine Zwillinge (V10.1)Emilie Clothilde (Miezing) und (V10.2)Johanna Amalie (Hanna). Dieses Kinderbett hat (V10.6.1)Hansi Feldmann-Voegeli später geerbt, alle ihre 8 Kinder schliefen darin, später bekam es ihre älteste Tochter Maria für ihre Kinder, so ist es heute in Italien gelandet.
Seine Frau (Dr2.2)Amalie Voegeli-Drescher. Verkörperte im Gegensatz zu ihrem eher stillen beschaulichen ruhigen Mann mit ihrer überschäumenden Lebenskraft eine energische Persönlichkeit – im Guten wie im Bösen. Sie war sehr tüchtig. Aber alles konnte sie ja nicht allein machen und so ist es nach ihrer Meinung manchmal bachab gegangen, weil der liebe Mann zu wenig unternahm!213.PrinzEugen der edle RitterIhre Kinder, die fast alle blauäugig waren und sehr lockiges Haar hatten, mussten „Mamachen" blind gehorchen. Sie regierte sie mit Küssen und einem Lederriemen – und wenn eines unartig war, bekam gleich die ganze Bande Schläge. Sie war laut und lustig, lachte schallend, liebte mit furchtbaren Fratzen ihre kleinen Grosskinder zu erschrecken und schrie fast vor Lachen, wenn die Kleinen vor Angst heulten. Ihrer Behauptung nach, an der sie unweigerlich festhielt, stammten ihre mütterlichen Ahnen von Prinz Eugen dem edlen Ritter von Savoyen ab. Nun war dieser gute Prinz ein Homosexueller und der Geschichte nach nie verheiratet gewesen. Aber sie sagte, es sei eine „Heirat zur Linken" gewesen und man kann wirklich etliche Generationen zurückverfolgen nur entsteht dann eine Lücke – die niemand schliessen kann. Wie dem auch sei, sie war sehr stolz auf diese vermeintlichen Ahnen. Auch weiss man nicht, ob sie wusste, dass die Mutter von Prinz Eugen als Hexe verbrannt worden ist. Der Mann von (V10.6.1)Johanna Lilly Feldmann-Voegeli (Hansi), Alfred Feldmann-Voegeli, sagte ihr oft, dass diese, falls sie 100 Jahre früher gelebt hätte, auch als Hexe verbrannt worden wäre – weil sie so stark das 2. Gesicht hatte. (weiteres zu dieser Abstammungsgeschichte siehe Dreschergeschichten Kap. 4.13.2)
Sie hatten im Gut Eichenhof einen riesigen Obstgarten. (Dr2.2)Amalie setzte junge Obstbäume und vereinbarte mit einer Firma in Riga, dass sie Obst eingeweckt liefern würde. Es wurde ein früher, kalter Winter, der Gartenzaun war vernachlässigt, Amalie flehte ihren Mann an, er möge doch den Zaun ausbessern – aber er tat es leider nicht. Der Schnee kam und die Rehe aus dem nahen Walde knabberten an den Rinden der jungen Bäume. Alle Bäumchen gingen ein – der erhoffte Ernte-Ertrag ging zum Kuckuck.
Sie war immer selig wenn Besuch kam – dann stand sie mit ausgebreiteten Armen vor der Tür, jauchzte vor Begeisterung und umarmte und küsste einem innig. Sie war entsetzlich dick, denn Essen war ihre Leidenschaft. In der Verwandtschaft war sie berühmt wegen ihrer Kochkunst, die sie auf alle Kinder vererbt hat. Sie hätte es, wie alle behaupten, mit den besten Cuisiniers aufnehmen können. Sie liebte alle Speisen und den Kaffee brühend heiss zu geniessen. Sie konnte noch als alte, kranke Frau wütend werden, wenn man ihre Tasse nicht vor dem einschenken des Kaffees erst heiss ausgespült hatte. Und wenn sie ihre schweren fetten Suppen kochte, so schnitt sie sich um zu probieren ein Stücklein Fleisch ab und steckte es glutheiss in den Mund. Ganz fetten, schweren Schweinsbraten liebte sie ganz besonders.
In schweizerischen Verhältnissen hätte man sich diese tüchtige Frau am besten als Wirtin in einem grossen Landgasthof denken können. Ihre gedrungene Gestalt mit dem zugleich freundlichen und energischen Gesicht hätte wohl gut in einen "Leuen" oder "Bären" hineingepasst.
Omama (Dr2.2)Amalie Voegeli-Drescher liebte Spass – aber nicht auf ihre Kosten. Als einmal das arme (V10.5)Gustchen ihr zurief: Mama, ich weiss warum Du uns immer so verdrischst, weil Du Drescher heisst! Wupps hatte sie eine Ohrfeige weg.
Wenn sie lachte, wackelte Brust und Bauch bei ihr, alles ging in einen Fettwulst über, sie hatte gar keinen Schoss. Einmal sagte sie zum kleinen Brüderchen von Hansi: "(10.6.2)Brahling (Johannes Paul), komm und setz dich doch auf meinen Schoss". Da sah Brahling sie an und fragte ernsthaft: "Omama, wo ist denn dein Schossing"? Darüber hat sie gebrüllt vor Lachen, sie wackelte am ganzen damals schon kranken Körper vor Begeisterung!
Grossmama (Dr2.2)Amalia blieb in Erinnerung als eine eher kleine, aber ausserordentlich dicke Frau, die später in Bilderlingshof im Haus ihrer Tochter (V10.3)Ella unter schrecklichen Qualen an Magenkrebs am 2.11.1910 gestorben ist. Damals war (V10.6.1)Hansi Vögeli höchstens 7 Jahre alt.
(Weitere Unterlagen siehe DVD Beilagen Ordner L_143_Anhänge, AnhangA3, S.1; im Papierordner Quellen Q6K, 3 Seiten, nicht ausgewertet)
Auf dem weitläufigen Gut Eichenhof führte mehr sie das Regiment als ihr weich veranlagter Mann. Ihre acht Kinder, sowie die vielen Knechte und Mägde wussten, wie sie sich ihr gegenüber zu benehmen hatten. Vielleicht regte sich in ihr doch das sagenhafte Blut der ans Herrschen gewohnten Truchsess?
Auf dem Pachtgut Eichenhof lebte und arbeitete auch eine Familie Krause. Eine der kleinen Töchter – Karoline, genannt Ina oder Inzing (wie sie alle nannten) war quasi die Pflegetochter von Voegelis. Sie war als Baby schwer gefallen und hatte einen Buckel nachbehalten. Sie hat später in Mitau und Riga bei (Gü4.3)Toni Voegeli-Günther gearbeitet und ist im Alter bei ihr im Hause gestorben.
Und da war noch die von (10.6.1)Hansi Voegeli heiss geliebte alt-Maaring, die als junges Ding die Hüterin der 3 Brüder Voegeli gewesen war. Sie kam später mit der Familie von (V10.6)Theddy Voegeli in die Forstei Kopatzewitschi bei Minsk. Später lebte und arbeitete sie bei (V10.2)Hanna von Radecki-Voegeli in der Pension am Strande in Bilderlingshof und ist auch dort beerdigt worden. Ein goldener Mensch.
Die Kinder hatten zwar nicht das Gefühl, dass ihre Mutter (Dr2.2)Amalie hart oder unnahbar sei. Aber es sagten alle, sie seien von ihr viel mehr zurechtgeschüttelt worden als vom Vater. Mehr als ihrem Manne, der in dieser Beziehung mehr ländlich dachte, war ihr sehr an der Schulbildung der Kinder gelegen. Ihre vielen Kinder wurden in ihren Jugendjahren von einer Hauslehrerin und Erzieherin zuhause unterrichtet. Manche Jahre war dies Olga Friedrichson die später 1883 (Gü3.7)Johannes von Günther heiratete, der 1882 seine erste Frau (Gr3.6)Lilly Günther-Gruner verlor und diesen mit sechs unmündigen Kinder zurücklassen musste.
(Dr2.2)Amalia sorgte dafür, dass alle ihre Kinder in den oberen Klassen die Mittelschulen in Riga besuchen konnten. Bei den knappen finanziellen Verhältnissen war das für die Familie eine erhebliche Belastung. Den deutschbaltischen Traditionen gemäss war ihr aber dabei kein Opfer für die Ausbildung ihrer Kinder zu gross.
122.1.GeschVoeg1888, Geburtstag (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-DrescherDas Streben nach "Oben" war für sie ganz selbstverständlich. Im damaligen Livland und Kurland in dem die Standesunterschiede sehr scharf ausgeprägt waren stand die soziale Stufenleiter stets unmissverständlich vor Augen. Frau Amalie fühlte sich deshalb sehr geehrt, als von ihren Töchtern erst (V10.3)Ella, dann (V10.2)Hanna und danach auch noch (V10.4)Marie von Vertretern der Noblesse zur Ehe begehrt wurden. Die adligen Herren, Baron Hermann August Georg von Nolcken und Johannes Karl Arthur von Radecki waren zwar unverkennbar degeneriert. Sie wurden beide ganz unmögliche Ehemänner. Man kann ihr deshalb heute nur schwer nachfühlen, warum die resolute Frau diese Verbindungen eher zu begünstigen als zu verhindern gesucht hat.
Familienbild, ca. 1988, wahrscheinlich zum 50. Geburtstag des Vaters,
(V9.4) Johann Balthasar Voegeli, geb. 28.6.1838, gest. 12.2.1921 in Braunwald,
V.l.n.r.: Hintere Reihe stehend: (V10.7)Johann Carl Richard Voegeli,
(Ra2)Arthur von Radecki,
(V10.6)Theophil Alexander Eduard Voegeli,
(V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli,
Baron Georg von Nolcken-Voegeli,
V.l.n.r.: Vordere Reihe sitzend: (10.3)Anna Elisabeth Voegeli,
(V10.2)Johanna Amalia von Radecki-Voegeli,
(Ra3.1)Hans von Radecki,
(V10.5)Augusta Ernestina Voegeli,
(V10.8)Eugen Reinhold Constantin Voegeli.
17.Dünazeitung Nr. 102 vom 07.05.1891Gemäss einer Meldung der Dünazeitung Nr. 102 vom 07.05.1891 "...wurde in Kroppenhof Kirchspiel Schwaneburg eine Molkerei eingerichtet wo aus frischer Milch der Rahm ausgeschieden und in Butter verarbeitet wird. Auch die zu dieser Gemeinde gehörigen Wirthe haben dieser Einrichtung ihre Aufmerksamkeit zugewandt und liefern ihre Mich, mancher bis zu 30 Stof (1 Stof = 1.17 lt) täglich, daselbst ab, was ihnen eine nicht zu verachtende Revenue abwirft und so steht zu erwarten, dass die Molkerei mit der Zeit auf die Viehzucht in der Gegend wohltätig einwirken wird".
Die Besitzer vom Gut Eichenhof die Barone von Vietinghoff gen. Scheel nutzten (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher weidlich aus. Grosszügig im Geldausgeben suchten sie immer mehr aus ihrem Besitztum herauszuschlagen. So setzten sie ihrem Pächter den Zins in kurzen Abständen immer wieder herauf, bis dieser sich nicht mehr halten konnte und wahrscheinlich Mitte der Neunzigerjahre wegziehen musste.
223.2.Generalkarte der Russ. Ostprovinzen (Ausschnitt)Sie übernahmen dann Mitte der Neunzigerjahre in der Nähe der Bahnlinie und der Hauptstrasse Dorpat-Riga, südwestlich von Luhde und Walk eine einsame Poststation, auf der sich dann aber weniger Gäste einfanden, als man gehofft hatte. Auch aus der Landwirtschaft war dort nicht viel herauszuholen, so dass man recht schmal durchkommen musste.
217.Pension Gulben bei Walk, Postkarte von 17.8.1901 Die Poststation hiess, wie auf einer Postkarte von 1898 vermerkt: "Alte Poststation, Pension Voegeli, Gulben bei Walk". Sie lebten dort mindestens seit 1898 (Gemäss Postkarten von 1898, 26.8.1899 und 1901 an Auguste Voegeli). Den Wegzug vom Gut Eichenhof in kleinere Verhältnisse hat (Dr2.2)Amalie nur schwer ertragen. Ein weitläufiger Betrieb hätte besser zu ihrer Natur gepasst als ein Leben in engen Umständen. So wurde ihr Lebensabend zu einer harten Prüfung.
Hansis Mutter (Gü4.3)Toni Voegeli-Günther hatte ihre Schwiegermutter (Dr2.2)Amalia nicht gern gehabt, sie konnte ihre derben Spässe und das all zu laute Wesen nicht leiden. Eben so wenig das zu fette Schweinefleisch. Sie hat (V10.6.1)Hansi, ihre Tochter oft im Zorn mit ihrer Grossmama (Dr2.2)Amalie verglichen da sie auch gern Fratzen schnitt und dumme Witze riss. Nun ja, etwas erbt man ja von jedem Vorfahren. Hansi hatte jedoch diese Omama (Dr2.2)Amalie sehr gern gehabt.
Und da der (V9.4)Grosspapa Johann Balthasar Voegeli so ruhig und langsam war – musste sie ja wohl einen Ausgleich schaffen. Nur ihrem ständigen Fleiss war vieles zu verdanken. Sehr gebildet war sie nicht, aber sehr energisch.
Wenn jemand traurig war, so rief sie immer: Kindchen, komm, iss und trink – Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.
221.(V9.4).Joh.Balth.Voegeli und links aussen sein Schwiegersohn Baron Georg von Nolcken 1903, ein Bild von Gulben oder eher Bilderlingshof
219.Pension Gulben bei Walk. Es war eine alte Poststation. Dort wirkten Johann Balthasar Voegeli-Drescher und seine Frau Amalie ca. 1890-1901
223.Stadtplan Riga von 1885. Ausschnitt nordöstlich der AltstadtAuf Grund der zunehmenden Auflehnung der ländlichen lettischen Bevölkerung zogen kurz vor dem Ausbruch der heftigen Bauernunruhen, (Dr2.2)Amalie und (V9.4)Johann Balthasar Voegeli, zusammen mit ihrer Tochter (V10.5)Auguste spätestens im Herbst 1904, (gemäss DVD Beilagen Ordner, Quellen Abschriften, Briefabschrift L_143_Q9A.3, S.3 ) nach Riga an die Alexanderstrasse 25. Das Haus lag an der Ecke der Alexanderstrasse zur Esplanade, ganz nahe bei der Kathedrale.
Heute steht auf diesem Grundstück das moderne Hotel Reval.
Gemäss der Schilderung von (V10.6.1)Hansi Voegeli im oben erwähnten Brief sind in dem niedrigen braunen Hofhaus an der Alexanderstrasse 25 in dem die Grosseltern nun wohnten, (V11.1)Lorli Voegeli, geb. 3.05.1904 und (V10.6.1)Hansi Voegeli, geb. am 7.8.1904 anfangs September 1904 zusammen getauft worden. Heute steht auf diesem Grundstück das moderne Reval-Hotel Latvjia. Der Haupteingang ist auf den Esplanade-Park orientiert.
In dem langen niedrigen Hinterhaus lebte ausser Voegelis noch eine Familie Vogelsang. Onkel (V10.7)Jeannot hatte telegrafisch von Wladiwostok aus zur Taufe von (V11.1)Lorli und (V10.6.1)Hansi im September 1904 bei der besten Konditorei in Riga eine wunderbare Torte bestellt. Ein Laufjunge brachte sie – und gab diese versehentlich bei Vogelsangs ab und dort wurde nicht weiter nachgefragt – warum und woher – sondern alles aufgegessen. Erst als kein Dank für die Torte eintraf, wurde nachgeforscht – und es kam heraus. Aber zu ändern war nichts mehr, zum Leidwesen aller.
Die revolutionären Unruhen breiteten sich dann kurz darauf im ganzen Baltikum weiter aus. Der Aufenthalt war in Gulben zu gefährlich geworden.
Der Bauernaufstand von 1905
Aus keinem der Dokumente die aus dieser Zeit in der Familie zurückblieben wird über das Ausmass der Bauernunruhen berichtet. Eine Auswertung der Baltischen Periodikas aus dieser Zeit gibt aber ein eindrückliches Bild dieser Zeit. Jedenfalls wird daraus begreiflich warum (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Günther mit seiner Frau (Dr2.2)Amalie die Poststation in Gulben verlassen mussten.
(Originale der Zeitungsausschnitte siehe Ordner L_143_Beil.1.Anh.57_Periodika)
Rigasche Rundschau Nr.156, 20.07.1905 (Aufruhr bei Kroppenhof)
"Auch das Gut Kroppenhof, welches an das Sissegallsche Kirchspiel grenzt, ist in der vorigen Woche der Schauplatz eines revolutionären Aufzuges geworden. Am Sonnabend den 16. Juli vormittags erschien eine Schar von zirka 40 Personen vor dem Hause des Verwalters, zirka 20 von ihnen mit Flinten und Revolvern bewaffnet. Vorher hatten sie schon das Kaiserbild im Gemeindehause in Fetzen zerrissen; zirka 6 Bewaffnete waren dann in die etwas abseits liegende Schule gedrungen und hatten daselbst den gleichen Frevel mit dem Kaiserbilde verübt. Die Gutsherrschaft bewohnt das Gut nicht. Der Verwalter, Herr Br. lehnte die Forderung mitzugehen und die rote Fahne zu tragen ab. Die Hofknechte wurden herbeigerufen. Ein Redner verlas die bekannten Forderungen hinsichtlich ihrer Entlöhnung u.s.w., der Verwalter erklärte von sich aus nichts bewilligen zu können. Daraufhin wurde Arbeitsstillstand proklamiert für so lange, bis die Forderungen bewilligt seien. Bis auf einige wenige haben die Leute alle Arbeit eingestellt und sind dem Zwange, auf die Nachbargüter mitzuziehen gefolgt. Der Krug und die Monopolbude wurden auch zur Schliessung genötigt. Kroppenhofsche Wirte sind im Zuge nicht gesehen worden. Von einer nahen Hoflage sind die Knechte des lettischen Arrendators auch fortgeholt worden, sie arbeiten bis auf einen auch nicht mehr. Auf ca. 100 Mann angewachsen, zog der Haufe nach Ledemannshof, wo der Verlauf des Ueberfalls ein ähnlicher war. Der Wunsch, für "Waffen" Geld zu geben, erfüllte der Besitzer nicht, woraufhin gesagt wurde, das habe man auch nicht anders erwartete. Da das Knechts-Personal zumeist streikt, so haben einige Hausgenossen selbst z. B. die Hütung übernommen. - Der Gottesdienst in der Kroppenhofschen Kirche verlief tags darauf ungestört"
"16. Juli. Kroppenhof (Südlivland). Nachdem eine Schar von etwa 40 Mann, zu einem grossen Teil mit Flinten und Revolvern bewaffnet, im Gemeindehause und in der Schule die Kaiserbilder zerrissen, erscheint sie auf dem Gutshof vor dem Hause des Verwalters, an den Forderungen gerichtete werden, über die dieser von sich aus in Abwesenheit der Gutsherrschaft gar nicht entscheiden konnte. Nun werden alle Gutsknechte gezwungen mit den Revolutionären zu gehen, so dass Vieh und Pferde unbeschickt bleiben. Der allmählich bis auf etwa 100 Mann angewachsene Haufe zog dann nach Ledemannshof, wo er vergeblich versuchte vom Besitzer Geld "für Waffen" zu erhalten".
Düna Zeitung Nr. 169, 06.08.1905 (Revolutionäre Banden, die Rädelsführer verhaftet)
"In Kroppenhof bei Kokenhusen werden die Knechte zwangsmässig durch revolutiuonäre Banden zur Arbeitsniederlegung gezwungen das Vieh darf nicht gefüttert werden, Geld und Waffen werden zwangsmässig abgefordert".
"Nach einem offiziellen Bericht hat der Beamte des Livl. Gouverneurs P. v. Schilinsky unter militärischer Eskorte Essenhof, Sunzel, Kroppenhof, Lautern Saadsen und Absenau besucht. Drei Haupträdelsführer aufrührerischer Banden wurden verhaftet".
Baltische Revue S325, 16.08.1905 (Monopolbude wird aufgebrochen)
"15. August. Kroppenhof (Livland). Die Monopolbude in Kroppenhof wird aufgebrochen und dort ca. 500 Rbl. Kronsgelder geraubt".
Düna Zeitung Nr.213, 27.09.1905 (Feuerschaden in Kroppenhof)
"Kroppenhof (Kirchspiel Kokenhusen). Feuerschaden. Dem "Balt. Wehstn." zufolge sind am 17. September zwei Heuscheunen und am 19. September eine grosse Getreidescheune niedergebrannt worden. Fast die ganze diesjährige Getreideernte befand sich in ihr. Die Riege, an die auch schon Feuer gelegt worden war, konnte gelöscht werden".
Rigasche Rundschau Nr. 156, 02.11.1905 (Kirchenfrevel in Kroppenhof)
"Kroppenhof (im Rigaschen Kreise). Kirchenfrevel: Am Sonntag den 30. Oktober wurde in der Kirche nachdem eben das Freiheits-Manifest verlesen war während des Gebetes, sobald der Name des Kaisers genannt worden, durch wüstes Schreien von fremden Sozialisten der Gottesdienst gestört. Der grössere Teil der Gemeinde verliess die Kirche, ebenso die Schreier. Der zurückbleibende Teil der Gemeinde begann auf Zuruf des Pastors ein Lied zu singen. Da stürzte aber die Horde der Akteure wieder hinein und finge an, mit Revolvern zu fuchteln. Nun blieben von der Gemeinde nur ganz wenige in der Kirche, da verliess auch der Pastor die Kanzel. Als er in der Sakristei war, postierte sich ein Revolvermann zwischen die Tür derselben und der Kanzel, auf welcher der Führer zu sehen war. Man hörte dann ein Lied singen nach der Melodie "Ein feste Burg". Ein Teil der Gemeinde war vor der Kirche verblieben. Der weitere Verlauf ist dem Schreiber dieses noch nicht bekannt. Die Frevler, welche das widrige Schauspiel in Szene setzten und wie wilde Dahomeys umhersprangen machten den Eindruck, als ob ihnen jedes Gefühl für das Heilige erstorben sei".
Rigasche Rundschau Nr. 7, 10.01.1906 (Niedergebrannte Rittergüter)
"Bis zum 1. Januar 1906 wurden gegen hundert livländische Rittergüter niedergebrannt darunter das Rittergut Kroppenhof".
Düna Zeitung Nr. 9, 12.01.1906 (Offizielles Verzeichnis der niedergebrannten Rittergüter, 7 Seiten)
Siehe Beilagen Ordner L_143_Beil.1.Anh.57_Periodika, 1906.01.12.:
30.1.1906.01.12.Dunazeit.9.1
Dünazeit.9.2.png, Dünazeit.9.3.png, Dünazeit.9.4.png, Dünazeit.9.5.png, Dünazeit.9.6.png, Dünazeit.9.7.png
In der Düna Zeitung vom 30.01.1906 wird erwähnt, dass unter anderen auch im 1. Kreis Riga das Schloss Kroppenhof von Baron Vietinghoff niedergebrannt wurde. Es folgen auf weiteren sechs Seiten die niedergebrannten Schlösser in Livland.
31.1.1906.01.23.Duna.Z.18.1 Düna Zeitung Nr.18, 23.01.1906 (8 Seiten, Momentbilder aus den Tagen der sozialdemokratischen lettischen Republik)
Der ganze Artikel kann mit den unten angefügten Links eingesehen werden.
Siehe Beilagen Ordner L_143_Beil.1.Anh.57_Periodika 1906.01.23. oder folgende Links: Düna.Z.18.1.png, Düna.Z.18.2.pgn, Düna.Z.18.3.pgn, Düna.Z.18.4.pgn, Düna.Z.18.5.pgn, Düna.Z.18.6.pgn, Düna.Z.18.7.pgn, Düna.Z.18.8.png
Düna Zeitung, Nr. 25, 31.01.1906 (11 Seiten, Momentbilder aus den Tagen der sozialdemokratischen lettischen Republik)
Der ganze Artikel kann mit den unten angefügten Links eingesehen werden: Siehe Beilagen Ordner L_143_Beil.1.Anh.57_Periodika 1906.01.31. oder folgende Links: Dünazeit.25.1.png, Dünazeit.25.2.pgn, Dünazeit.25.3.pgn, Dünazeit.25.4.pgn, Dünazeit.25.5.pgn, Dünazeit.25.6.pgn, Dünazeit.25.7.pgn, Dünazeit.25.8.pgn, Dünazeit.25.9.pgn, Dünazeit.25.10.pgn, Dünazeit.25.11.png
Rigasche Rundschau Nr. 32, 08.02.1906 (Strafexpedition nach Kroppenhof)
"Aus Kroppenhof teilt man uns mit: Die Kroppenhöfsche Gemeinde ist von der Strafexpedition verhältnismässig leicht betroffen worden. Es heisst, dass wir dieses der warmen Fürsprache unseres Gutsbesitzers, Baron Vietinghoff zu danken haben. In letzter Zeit ist das Lupati-Gesinde vom Militär eingeäschert worden, weil der Wirt desselben den bekannten Mordbrenner Streilin beherbergt hatte. Streilin wurde wegen Teilnahme an der Ermordung des Römershofschen Polizeisekretärs Maksimowitsch erschossen. Es heisst, dass Streilin vor seinem Tode 16 Spiessgesellen angegeben hat. Sonst sind hier weder Verhaftungen, noch Exekutionen vorgenommen worden. Der Unterricht in der Gebietsschule ist wieder aufgenommen worden. Unser früherer Lehrer O. hat uns verlassen. Mit der Beitreibung der rückständigen Kopfsteuer ist es hier immer schwer gegangen. Als die legale Gemeindeverwaltung ihre Tätigkeit wieder aufnahm, war die Gemeindekasse ganz leer. Dank der strengen Vorschrift des Militärs sind in den letzten zwei Wochen zirka 4000 Rubel an Kopfsteuern beigetrieben worden. Einige säumige Zahler haben bis zu 90 Rbl. Kopfsteuerrückstände bezahlt. Soeben ist man den Verbrechern auf die Spur gekommen, die im Dezember den Gottesdienst in der rechtgläubigen Kirche gestört und den Priester gewaltsam aus der Kirche gezerrt hatten".
Düna Zeitung Nr.181, 10.08.1906 (Schändung des Friedhofs Kroppenhof)
"Das Erbbegräbnis der Familie der Besitzer von Kroppenhof, Barone Vietinghoff-Scheel wurde aufgebrochen und beraubt. Wahrscheinlich hat dieselbe Bande die Kirche aufgesucht und den Altar zerstört".
Baltische Monatsschrift Bd.64 Jahrg.49 Heft 7/8 Juli-Aug 1907, Tagebuch der Baltischen Revolution vom 16. Mai bis zum 24. Juli 1905
Auf diesen Seiten wurde die Schreckenszeit der Bauernunruhen ausführlich beschrieben. Bemerkenswert ist aber wie wenig ernst die Bevölkerung der Stadt Riga diese Unruhen nahmen. Sie wurden kaum als Vorbote der kommenden Revolution betrachtet. Das gesellschaftliche Leben mit ihren Bällen und Festivitäten nahmen in der Stadt ihren gewohnten Lauf, wie nichts geschehen wäre. Es waren ja nur die minderwertigen, nichtsnutzigen Bauern und ehemaligen Leibeigenen die draussen auf dem Land Radau machten. Man erwartete dass die Obrigkeit diese Revoluzzer streng bestrafen würde was dann auch geschah.
(Dr2.2)Amalie Vögeli-Drescher starb am 2.11.1910 im kleinen Strandhaus auf (V10.3)Ella Beck-Voegeli's Grundstück in Bilderlingshof.
Nachdem (V9.4)Johann Balthasars Frau (Dr2.2)Amalie gestorben war fühlte er sich allein. Er tat sich mit seinem auch verwitweten Bruder (V9.7)Paul Melchior Voegeli-Köhler zusammen und zog in Riga in eine Parterre-Wohnung in einem Hofhaus an der Nikolaistrasse. (Gemäss Briefabschrift L_143_Q9A.3, S.6 oben). Sie war sehr nahe von der Wohnung die (V10.3)Ella Beck-Voegeli gemietet hatte, wo sie auch Zimmer vermietete. Sehr oft sind (10.6.1)Hansi und ihr kleiner Bruder (V10.6.2)Johannes Paul Theophil (Brahling), geb. 5.5.1907, gest. 19.1.1914, zu Grosspapa (V9.4)Johann Balthasar gewandert, es war auch nahe dem Ort wo (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antonie Voegeli-Günther (Toni) mit ihren zwei Kindern wohnte, gegenüber der Esplanade. (V10.7)Jeannot (J. C. R.) Voegeli-Günther, dem es damals in Wladiwostok gut ging, hatte seine Eltern (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher und (Dr2.2)Amalie während Jahren unterstützt.
Bei den zwei alten, verwittweten Brüdern hing eine lustige Kuckucksuhr im Speisezimmer. Dort gab es für die Besucher am Nachmittag Malzkaffee und Grobweizenbrot mit Butter. Onkel (V9.7)Paul sass oft im Saal, Grosspapa (V9.4)Johann Balthasar im Nebenzimmer und beide legten ernsthaft und still immer die gleiche Patience – die Zwölfer-Pyramide. Die Kinder von (Gü4.3)Toni, (V10.6.1)Hansi und das kleine Brüderchen (V10.6.2)Brahling, durften am Boden mit einem anderen Kartenspiel spielen. Zu Ostern durfte man dort Eier kullern. Manchmal durfte Hansi für (V9.4)Grosspapa die langen russischen Papyrossi stopfen und mit einem goldenen Stopfer den Tabak hineindrücken. Und (V10.5)Gustchen war immer für die zwei Kinder da.
4.2.2. (V9.7)Paul Melchior Voegeli-Köhler, in zweiter Ehe, Rabensee
(Vide Vögeli 263), geb. 16.7.1847 und getauft am 26.07.1847 in Kroppenhof, gest. 4.12.1932 in Enneda, Friedberg (Q2K), verheiratet in erster Ehe am 17.05.1871 in Kokenhusen bei Riga mit Anna Carolina Ernestine Köhler aus Dünamünde geb. 15.05.1836 gest. 12.1910 in Riga. In zweiter Ehe verheiratet am 29.06.1916 mit seiner Nichte (V9.9.1)Anna Julie Paula Wollner geb. Rabensee, geb. 20.1.1874, gest. 27.5.1936 in Enneda GL, keine Nachkommen. (Siehe (V8.9)) (In anderen Quellen wird der Name Rabensee als Rabensen geschrieben)224.(V9.7)Paul Melchior Voegeli zweite Hochzeit 1916 mit seiner Nichte (V9.9.1)Anna Julie Paula Wollner, geb. RabenseeOnkel Paul Vögeli hatte 1910 seine 1. Frau verloren, sie war 11 Jahre älter als er gewesen. Nun geschah Zweierlei – er wollte wieder heiraten und auch (V10.5)Auguste Voegeli wollte heiraten. Dann sollte Onkel (V9.7)Paul diese Wohnung behalten, (V9.4)Opapa sollte zu (V10.3)Ella und ihrem Mann Adolf Beck-Voegeli ziehen und die immer noch ledige (V10.5)Gustchen wollte mit ihrem künftigen Mann ein kleines Gut in Ermes übernehmen. Grosse Aufregung in der ganzen Familie. Sind Onkel Paul und Gustchen verrückt geworden?
Onkel Paul war sehr reich geworden, er hatte in Riga einen Laden für Porzellan und Glasgeschirr betrieben. Er war (V10.6)Theddy Voegelis Taufpate, alle liebten ihn. Nun im Alter hatte er sich entschlossen eine 27 Jahr jüngere Frau zu heiraten – die Witwe (V9.9.1)Anna Julie Paula Wollner geb. Rabensee, eine seiner Nichten. Alle kannten sie aber mochten sie nicht... Sie hatte leider immer ein böses Mundwerk. Aber die Hochzeit wurde dann während dem ersten Weltkrieg am 29.06.1916 als Haustrauung in der Wohnung gefeiert. (V10.6.1)Hansi Voegeli war damals etwa 12 Jahre alt. Alle Verwandten waren gekommen auch die alte Mutter der Anna, die dann bei Ihnen weiterleben sollte. Der etwas gestrenge alte Pastor Schabert aus der nahen Gertrudkirche in Riga kam das jung-alte Paar zu trauen. Er fragte Onkel Paul zuerst – Paul sagte froh und feierlich sein Ja. Dann wurde die Anna gefragt – und sie schwieg und schwieg und schwieg – endlich stöhnte sie schwer atmend ihr Ja heraus. Man sah die aufgeregten Augen von allen Gästen und die Aufregung von Onkel Paul. Alle wussten, dass sie nur sein Geld heiraten wollte.
Noch einmal erlebte die ganze Familie ein ähnliches Theater mit der Anna. Das war nach 1-2 Jahren, als ihre alte Mutter starb. Der Sarg war offen aufgebahrt im gleichen Saal wo die Trauung gewesen war. Als (Gü4.3)Toni mit (V10.6.1)Hansi hinkam, lag über dem Sarg in wallenden schwarzen Gewändern Tante Anna und eine Nichte von ihr. Dazwischen heulte sie auf: „Mein Mutterchen, nein, ich lasse dich nicht"! Onkel (V9.7)Paul stand sehr unglücklich daneben und versuchte sie zu beruhigen, aber sie schrie....Da kam Pastor Schabert um die Abdankung zu halten. Er sah kurz hin und packte dann energisch Tante Anna an der Schulter und rief: „Wollen Sie warten bis sie stinkt?"