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4.7. (V10.3)Ella Beck-Voegeli, ab 25.04.1927, Ella Hefti-Voegeli (Sinngemäss aus dem Nachruf, 2.Teil).
4.7.1. Ihr Leben nach der Flucht von Riga in Braunwald406.1.(V10.3)Ella Beck-Voegeli 1926Der erste Gatte musste die Flucht in die Schweiz zwar nicht mehr erleben, da er schon vorher an den Folgen eines Krebsleidens das Zeitliche gesegnet hatte, aber die Gattin, die damals als Directrice in einem Geschäft waltete, wurde von den Bolschewiken verhaftet und musste ebenfalls ins Zentralgefängnis wandern und wäre demselben wohl nicht mehr entronnen, wenn nicht ihre Fabrikarbeiter bei der Revolutionsregierung schon nach fünf Tagen ihre Freilassung erwirkt hätten. Auch das legt ein gutes Zeugnis ihrer Verbundenheit mit den Arbeitern ab.
In unserer Familie wurde erzählt, dass ihre langjährige lettische Dienerin Christine Bormann die bolschewistischen Gefängnisaufseher mit einem Sack Kartoffeln bestochen habe.
Es war eine unendlich gefahrvolle Zeit besonders für die Schichten, in denen sie verkehrte. (Dr2.2)Amalie Voegeli-Drescher, ihre Mutter war schon 1910 unter ihrer Obhut in Bilderlingshof gestorben, aber ihr Vater (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher überstand diese Zeit und entschloss sich am 12.06.1919 zusammen mit den zwei Töchtern Ella Beck-Voegeli und (V10.4)Marie Nolcken-Voegeli bei Gelegenheit eines Flüchtlingszuges des Schweizerischen Roten Kreuzes wieder in sein glarnerisches Stammland heimzukehren. So erlitt (V10.3)Ella schon damals das typische Schicksal der erzwungenen Völkerwanderung unserer hinter uns liegenden, kriegsdurchtobten Jahrhunderthälfte, das Flüchtlingsschicksal mit seinen Enteignungen, seinen Entrechtungen, seinen Entwürdigungen und Entbehrungen. Und doch bot nach Verlust von Geld und Gut die wieder gefundene Heimat Asyl für die Wiederaufrichtung der zerschütteten Existenz.
Braunwald, damals kirchlich Betschwanden, damals politisch zu Rüti gehörig, wurde neue Heimat und Herd.
Am 06.03.1920 wurde sie als Witwe Anna Elisabeth Beck-Voegeli wieder in Rüti eingebürgert.
Unter schwierigsten Voraussetzungen wurde dort nach einigen Jahren 1925 eine bescheidene Pension aufgetan, das Sunnahüüsli, wie sie es nannten. Die gesellschaftlich gewandten Schwestern brauten einen vorzüglichen duftenden Kaffee und buken noch bessere Kuchen dazu, so dass das Sunnahüüsli bald für bergfreudige Wanderer die nötige Anziehungskraft erhielt.
4.7.2. Die Ehe und das Leben mit Pfarrer Johann Jakob Hefti (Auszug aus dem Nachruf)407.1.Hochzeit von (V10.3)Ella Beck-Voegeli und Jacques Hefti-Voegli am 25.04.1927
411.1.(V10.3)Ella Hefti-Voegeli 1927Im Zuge der Kundsame gesellte sich damals auch gern und immer lieber ein aus Schwanden gebürtiger Pfarrherr dazu namens Johann Jakob Hefti (Vide II Hefti Nr.665 Schwanden) der erst noch einem Schubert gleichsah und seine noch nicht lang verklungenen Studentenlieder eindrucksvoll auf dem Klavier zu untermalen vermochte. Wohl begegneten sich damals zwei sehr verschiedenen Lebensschicksale und auch Lebensalter. Aber wenn Amor seine Trümpfe ausspielt, sind wir Menschen seinen Künsten verhaftet und wir rechnen nach anderen Zahlen und messen mit anderen Massen, weil Ewiges das Gewebe der Zeit durchbricht, und der Glaube uns eint: Gott will es so!
Und also fügten sich die beiden Seelen am 25.04.1927 trotz der Altersdifferenz von rund 30 Jahren ehelich zusammen.
408.1.Ihr Wirkungsort Avers 1927-1930410.1.Jacques Hefti-Voegeli in Avers 1927Kurze Zeit später zog das neu vermählte Pfarrehepaar immer höher und höher, als ginge es dem Himalaja entgegen, in die höchstgelegene Kirchgemeinde nicht nur der Schweiz, sondern ganz Europas, nach Avers-Cresta, im Frühjahr 1927 bei noch nicht zu ende geschmolzenem Schnee. Wie anders war nun alles, vor allem für die Pfarrfrau, die einst im flachen Kurlande zuhause war, und nun im stillsten aller Alpen- und Arventäler hochragenden Firnen gegenüberstand! Und da galt es nun zu wohnen, jahrein, jahraus, fern allen gesellschaftlichen Bindungen, fern allem Betrieb und aller Kultur und noch ferner allem Luxus. Aber kein Junge hätte sich unverdrossener den neuen Verhältnissen anpassen können: Sie half ihrem Manne in seinem Amte, half ihm in endlosen Wintermonaten seine Einsamkeit tragen inmitten der weit zerstreuten, bloss 180 Seelen zählenden Gemeinde, stellte sich den Bauern selbst als Kindergärtnerin zur Verfügung und sogar als Arbeitslehrerin und fügte sich freundlich ein in den herben Rhythmus des Älplerlebens.
Ja, eine Frau, die einen Pfarrer heiratet, bekommt nicht nur einen Mann, sondern gleich auch eine ganze Gemeinde, und sie Wohnt nicht in einem Hause, sondern in einem grossen Taubenschlag, wo die Vögel der Gunst und der Missgunst ein- und ausflattern. Wohl war's still dort oben, aber gerade in der Stille eines Pfarrhauses raunen die horchenden Wände von fremden Lauten des Unverstandes, und ich weiss von mehr als einem Kollegen, der in Avers schwermütig wurde und sich fast hintersann.
416.1.In Hemberg 1930-1936So
414.1.Pfarrhaus Hemberg war es denn für die Pfarrersleute gewiss eine Befreiung, als sie eines Tages wieder herunter ins Tal und zu den Menschen ziehen durften, weil sich ihnen im Jahre 1930 die Türe in Hemberg auftat. Wiederum übernahm dort die Pfarrfrau die Sonntagsschule, wirkte im Stillen viel Gutes und half die Lasten tragen, die es an jedem Orte gibt. Noch heute gedenken manche Hemberger Freunde ihrer in Dankbarkeit. Aber auch dort war des Bleibens nicht.
V.l.n.r.: (V10.5)Auguste Voegeli, (V11.5.1)Fortunat Huber jun. (1/2 jährig), Jacques Hefti-Voegeli, (V10.3)Ella Hefti-Voegeli, Christine Bormann (ihre Dienerin)
420.1.Valzeina, das Pfarrhaus ist das zweite Haus rechts neben der KircheEin neues Wirkungsfeld eröffnete sich im Jahre 1936 im wiederum bündnerischen, ob dem Prättigauertal gelegenen Valzeina, einem ebenfalls einsamen Winkel. Nochmals wurde ein neun Jahre lang dauernder Kampf gekämpft. Gewiss, nicht nur ein Kampf war es. Es gab auch Sonnenstunden und freundliche, segensreiche Beziehungen. Aber die bereits greise Pfarrfrau litt an den nicht enden wollenden Wintern, und wenn Krankheit einzog, war der Arzt weit. Einmal musste man sie sogar mit einer akuten Brustfellentzündung und ein anderes Mal mit einer Bronchitis auf offenem Holzschlitten durch den schneetiefen Wald in das Krankenhaus nach Schiers transportieren, und der Arzt bedeutete dem selber leidenden Gatten: wenn ihnen die Gesundheit ihrer Frau wert ist, dann suchen sie sich bitte so bald als möglich eine andere Gemeinde im Tal. Aber das war leichter gesagt als getan. Ein Pfarrer kann nicht etwa wie ein Arzt seine Praxis eröffnen, wann und wo er will. Er muss warten und vielleicht nur warten und nicht mehr finden.
Wenn nun erst Krankheit droht und ein tückisches Nierenleiden als Folge der vielen winterlichen Gänge in Schnee und Eis dem Pfarrherr sich in den Leib krallt. Wohin dann nur?
422.1.Walzenhausen, die letzte Wirkungsstätte von Pfarrer Jacques Hefti-Voegeli und (V10.3)Ella Hefti-Voegeli 1945-1951Die Wahl fiel schliesslich auf Walzenhausen, erst mehr als Provisorium, aber das Vorläufige erhielt Dauer und wurde sogar jetzt für die Pfarrfrau zur letzten Ruhestatt. Im livländischen Eichenhof geboren ist sie nun im ausserrhodischen Walzenhausen gestorben und hier wird sie begraben liegen, begleitet von unserer tröstlichen Gewissheit, dass noch selige Ruhe dem Volke Gottes verheissen ist.
Seit 1945 hatte das stille Pfarrehepaar in seinem eigenen Häuschen im Platz gewohnt. Es hat von dort aus in manche einsame Stube tröstliches Licht gebracht und hat auch Liebe empfangen. Wohl waren die verflossenen Jahre von Sorgen und Kummer manchmal bis zum Unerträglichen erfüllt. Aber in allem Seufzen drin fehlte es auch nicht an Trost, in aller Kälte der rauen Wirklichkeit nicht an warmer Liebe, in aller Dunkelheit nicht an Zuversicht, denn das Vertrauen wurde in entscheidenden Momenten doch nicht weggeworfen und erst recht lebendig wurde die Hoffnung, als der Tod unerbittlich in die Mitte trat und dann eine selige Freude das Antlitz der sanft Entschlafenen verklärte.
Wenn wir uns das Lebensbild der lieben Verblichenen vergegenwärtigen wollen, so fällt uns von vornherein auf, dass wir es hier mit einem uns ungewohnten, in mancher Hinsicht fremdartigen Leben zu tun haben, einem Leben, das nicht nur ganz verschiedenen Epochen des Zeitenwandels durchmessen, sondern auch schwere, weltgeschichtliche Stunden sozusagen am eigenen Leibe erfahren und erlitten hat. Ein Mensch aus einer anderen Zeit schaut uns an, der sich Kraft seiner Hingabefähigkeit den sehr veränderten Verhältnissen anzupassen vermochte und jeder Lage durch gütiges Verstehen Licht und Wärme um sich verbreitete. Kein Wunder, dass nun den am meisten betroffenen Gatten der Abschied schwer fällt!
Als vor einigen Tagen die Hoffnung auf Genesung seiner Gattin dahinschwand und das Lebenslicht allmählich auslöschte, schrieb er mir: "Ich hätte es nie geglaubt, dass es in einem und um einem so finster werden kann, wenn ein guter Mensch wie meine liebe Frau einer ist, im Begriffe steht, das Haus für immer zu verlassen. Fast will es einem dünken als sei die Sonne für immer untergegangen, und müsse man zeitlebens in einem dunkeln Gefängnis schmachten und könne man nie mehr froh werden. Der grosse Altersunterschied spielt da keine Rolle. Ihr innerstes Wesen war Licht, Güte, Barmherzigkeit, Vertrauen - mit einem Wort - sie war eine Lichtträgerin, ein echtes Gotteskind, ohne viel frommes Gepränge, dafür mit ihrem ganzen Leben". Dieses ergreifende Zeugnis ehelicher Verbundenheit lässt uns nicht nur den herben Trennungsschmerz erahnen, sondern enthält auch grossen Dank für das Geschenk einer solchen Lebensgefährtin, die es nun wieder in jene Hand zurückzugeben gilt, aus der man sie einst dankbaren Herzens empfangen hat: In Gottes gute Vaterhand.
Das Gefühl der Verlassenheit, die Trauer, ist nun nicht wegzuwischen. Sie ist da bei allen, welche die Entschlafene gekannt haben, sie ist vornehmlich da beim Gatten, aber ganz schmerzlich auch bei der treuen Hausgehilfin, Kristina Bormann, die in einer unvergleichlichen Ergebenheit seit 51 Jahren ihr ganzes Leben der Entschlafenen zum Opfer brachte und sich kaum denken kann, wie es ohne die Gnädige weiter gehen sollte. Trauer ist da auch bei den Geschwistern allen und bei Frau Warnatz, die eigens aus Deutschland hergereist ist, um ihrer einstigen Pflegemutter ihre Dankespflicht zu erfüllen, und die nun statt ihrer Genesung ihr Abscheiden hat erleben müssen.
4.7.3. Ergänzungen zu Johann Jakob Hefti-Voegeli
Johann Jakob Hefti von Schwanden, wurde am 16.08.1895 geboren. Er studierte in Basel, Tübingen und Zürich Theologie und wurde am 8.11.1925 in Zürich ordiniert und 1927 aufgenommen in die Bündner Synode.
Er war Pfarrer in Avers 1927 bis 1930, in Hemberg 1930 bis 1936 und in Valzeina ab 1936 bis er 1945 krankheitshalber wegen einem schweren Nierenleiden pensioniert wurde. Er starb am 08.12.1959 in Walzenhausen.
Das Pfarrhaus in Hemberg steht an der Bächlistrasse 4 (früher Dorf 91) gleich neben der Reformierten Kirche Hemberg. Es stammt aus dem Jahr 1787 und wurde mehrfach umgebaut.
4.7.4. Ellas Dienerin, Christine Bormann
Geboren 24.3.1867, gestorben ca. 1970 in Braunwald. Schon um 1900 muss Christine Borman bei (V9.4)Johann und Amalie Voegeli-Drescher gearbeitet haben, denn sie sei die Erste gewesen, die (V10.6.1)Hansi Voegeli nach der Geburt (07.08.1904) auf den Armen gehalten habe. Später arbeitete Christine bei (V10.3)Ella Beck-Voegeli, sie zankten sich und liebten sich. Statt „Gnädige Frau" zu sagen, wie es damals üblich war, nannte Krische, wie Christine Bormann genannt wurde, Ella einfach „Gnädi", bis ins hohe Alter. Sie war der treuste Mensch, den Hansi je gekannt hatte. Sie hat auch geholfen, (V10.3)Ella etwa 1918 aus dem Gefängnis herauszuholen, wohin sie die Bolschewiken gebracht hatten. Sie ist als älteste im Glarnerland mit 103 Jahren im Altersheim von Braunwald gestorben. Sie konnte es einfach nie glauben, dass man sie, die ihr ganzes Leben anderen gedient hatte nun so liebevoll pflegte und verwöhnte. Sie fühlte sich die letzten Jahre ihres Lebens wie im Paradies.
4.7.5. Zum Hundertsten Geburtstag von Christine Bormann
Glarner Nachrichten Nr. 69 vom 23.03.1967, von (V11.3)Ellinor Huber-Voegeli. Artikel OriginalEine Hundertjährige in Braunwald
Morgen, am Karfreitag wird die liebe Fräulein Christine Bormann 100 Jahre alt. Sie, eine geborene Lettin, ist jetzt im Sanatorium Braunwald daheim. Unser Vorfahr, (V8.4)Balthasar Voegeli-Ludwig (1801-1870) aus Rüti, wanderte im Hungerjahr 1817 nach Lettland aus. Seine Enkel kamen im Jahre 1919 nach grosser Mühsal in die Heimat zurück. Johannes, Sohn des Balthasar, und drei seiner vier Töchter gründeten das später gut bekannte "Kaffee-Stübli" mit Baltischen Kuchen und Spezialitäten in Braunwald. Später (1936) kam auch noch die vierte Schwester dazu.
Von einem kurzen Besuch in Riga im Jahre 1924 brachte Frau (V10.3)Ella Beck-Voegeli ihre treue Hausangestellte, die ihr während der Revolution das Leben gerettet hatte, mit. Seither lebt Christine Bormann in der Schweiz. Treu und zuverlässig diente sie ihrer "Gnädigen". Zuerst in Braunwald, dann nach der Vermählung ihrer ersten Herrin, folgte sie dieser in die jeweiligen Pfarrhäuser. Erst nach dem Tode der geliebten Frau Pfarrer Hefti-Voegeli kehrte sie nach Braunwald zurück, zu Frau (V10.2)v. Radecki-Voegeli, die sie auch überlebte.
Nun lebt Christine Bormann gut umsorgt im Sanatorium Braunwald wo ihre letzte "Gnädige" 99 jährig vor zwei Jahren gestorben ist. Sie ist glücklich, wenn sie sich hie und da mit den von ihr geliebten Kindern beschäftigen kann. Wenn man sie, die Staatenlose fragt, was sie sei, sagt sie "Ich Schweizerin". Sie liebt ihre neue Heimat.