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1. Voegeli-Geschichte Einleitung
a. Vorbemerkung
Seitenvermerke zum handgeschriebenen Dokument von 1945.
001.2.Ernst Probst-Voegeli, Ehemann von (V11.4)Gritli Probst-Voegeli, Verfasser des ersten Manuskriptes der Familiengeschichte Voegeli im Jahr 1945Im Text eingefügte Seitenvermerke beziehen sich auf das handgeschriebene Originalmanuskript der Voegeli- Geschichte (Papierordner, Q1K), verfasst von Ernst Probst-Voegeli teilweise zusammen mit Dr. Alfred Feldmann-Voegeli dem Ehemann von (V10.6.1)Johanna Lilly Feldmann-Voegeli (Hansi). Ein grosser Teil der Informationen beruhen aus den Aufzeichnungen von Gesprächen mit Onkel "Karlusch" (Gü4.2)Karl Friederich Wilhelm Günther-Exner, geb. 30.10.1871, gest. 1958 verh. mit Elisabeth Günther-Exner, der etwa 1948 einige Wochen bei (V11.4)Gritli und Ernst Probst-Voegeli in Basel zu Besuch war.
Die Seite 10 des Originalmanuskript der Voegeli-Geschichte von Ernst Probst - Voegeli stellt die Familientafel der Familie Voegeli dar und jene der Seite 11 der Familie Günther. (DVD Beilagen-Ordner L_143_Anhänge, Anh.Nr.1.S1a und Anh.Nr.1.S.2)
Die Seite 150 des Originalmanuskript der Voegeli-Geschichte von Ernst Probst - Voegeli stellt ein Stammbaum der Familie Günther dar und jene der Seite 151 der Familie Gruner. (DVD Beilagen-Ordner L_143_Anhänge, Anh.Nr.1.S.3 und Anh.Nr.1 S.4)
(Die in den Texten blau markierten und unterstrichenen Anhänge, z.B. : Anh.Nr.1 S.1, Anh.Nr.1 S.2, Anh.Nr. 1 S.3 und Anh.Nr.1.S.4 können durch anklicken sichtbar gemacht werden)
Hinweise auf weitere Unterlagen.
Anhänge: Wo auf Anhänge verwiesen wird sind diese, je nach Art des Anhanges im Text integriert, im Papierordner enthalten oder digital auf der DVD als Original oder als Quellen Abschrift enthalten, (DVD Beilagen-Ordner L_143_Anhänge oder
Beilagen-Ordner L_143_Quellen Abschriften)
Quellen: Es wird im Text auf Quellen verwiesen. Diese sind als Papieroriginal aber meist auch auf DVD als digitale Dokumente zugänglich. Es ist vermerkt wo sie einsehbar sind.
Bilder: Bilder sind im DVD Beilagen-Ordner L_143_Fotos.Dok.Quel. digital enthalten, weitere Bilder sind in separaten Dokumentationen, wie allenfalls in einem zusätzlich geplanten Bildband enthalten.
Interpretation der Quellen durch (V11.5.3)Luzius Huber.
007.(V11.5.3)Luzius Huber-Zimmermann, Sohn der (V11.5)Ellinor Huber-Voegeli , 2011Der gesamte Inhalt der Familiengeschichte stützt sich auf eine grosse Zahl unterschiedlicher Texte, deren Autoren nicht alle zitiert werden können. Teilweise sind sie nicht einmal bekannt oder gesichert. Es würde zudem den Fluss der Erzählung unnötig stören. Ich habe aber in den verwendeten Texten bei der Wortwahl und beim Erzählstil der einzelnen Textautoren nur dann leichte Änderungen vorgenommen wenn damit die Verständlichkeit verbessert werden konnte. Weil ich die vielen beigezogenen Originaltexte möglichst wenig verändern und kürzen wollte, führt dies zwingend dazu, dass einzelne Szenen mehrfach und sogar in leicht abweichender Form beschrieben werden. Damit soll mit Absicht, auch der Ausdrucksstil der unterschiedlichen Zeitepochen, in denen diese Texte in Briefen, Dokumenten oder Geschichten verfasst wurden, möglichst authentisch zum Ausdruck kommen. Ich habe auch darauf verzichtet mit dieser Arbeit wissenschaftliche Ansprüche zu erheben. Nicht alle Quellen sind aufgeführt. Die Arbeit würde die Plagiatsprüfung nicht bestehen, denn es wurden an vielen Stellen Texte anderer Quellen eingefügt. Selbst bei den Fotos und Plänen sind nicht alle Quellen angegeben, das wäre zu umständlich gewesen.
Einzelne Kapitel der Familiengschichte zeigen die Ahnenfolge der verschiedenen Familienstämme auf und sind darum für die meisten Leser von geringem Interesse. Am interessantesten sind die Kapitel, "1. Vorbemerkung" das meine spannende Suche nach den Quellen beschreibt sowie die Kapitel die die eigentlichen Familiengschichten enthalten: "4.1.-12. Familie Voegeli sowie 4.13-16. Geschichten zu Angeheirateten Familien".
Nur dank vielen zufälligen Begegnungen und mit Hilfe weiterer geschichtsbegeisterten Menschen konnte diese Arbeit nach mühsamen Anfängen nach sieben Jahren zu Ende bebracht werden. Ein eigentliches Ende ist es aber nicht, denn es bleiben noch viele Fragen ungeklärt und noch viele Quellen unberührt. Eine weitere Reise ins Baltikum und ein Besuch der Archive von Riga hätte sicher noch einige Unklarheiten beseitigen helfen. Eine Reise nach Wladiwostok schien mir, zum mindesten bis jetzt, zu aufwendig. Zudem besteht nur eine sehr geringe Chance dort noch auf Unterlagen zu stossen, denn die russische Revolution und die nachfolgende Zeit hat mit grosser Wahrscheinlichkeit alle Spuren der Familiengschichte verwischt wenn nicht verschwinden lassen. Auch ein Besuch in China in der Hafenstadt Chefoo lag ausserhalb meiner Möglichkeiten. Zudem hat sich diese Region in den vergangenen neunzig Jahren sicher gewaltig verändert.
Mit Google war es zwar möglich die Stadt Chefoo zu besuchen und das betreffende Hafengebiet wo unser (V10.7)Grossvater mit seiner Familie etwas mehr als drei Jahre gewohnt hatten auf einem Luftbild zu betrachten. Tatsächlich fand ich im betreffenden Gebiet auf der Luftfoto noch alte Bauten, die noch in Form und Lage den betreffenden Wohnhäusern entsprechen könnten, doch ist die Umgebung völlig mit neuen ausgedehnten Hafenbauten überstellt worden. Denn Chefoo ist inzwischen einer der wichtigsten Häfen von China geworden.
Um den Fluss der Geschichte nicht zu stören und die Bilder dort anzubringen wo sie am meisten der Information dienen, habe ich mich entschieden einige Bilder an mehr als an einem einzigen Ort einzufügen. Wenn also das gleiche Bild in anderem Zusammenhang dargestellt ist, dann ist das absichtlich passiert.
Das Kapitel "2. Abstammung der Familie Vögeli" beschreibt das Herkommen dieser Familie Vögeli im Kanton Glarus zurück bis zu den ersten Nennungen um das Jahr 1570. Von damals bis heute lässt sich die Abstammungsfolge lückenlos aufzeichnen. Dieses Kapitel ist für die meisten Leser nicht interessant, da darin keine geschichtlichen Ereignisse enthalten sind die konkret uns bekannte Familienmitglider betreffen. Die Familie Vögeli war immer unauffällig gewesen und hat keine bedeutende Persönlichkeiten erzeugt. Um aber die heranwachsenden Generationen in einen gewissen geschichtlichen Rahmen zu setzen habe ich aus einer Chronik der Talschaft Glarus den einzelnen Generationen die wichtigsten Ereignisse zur Seite gestellt. Das Tal Glarus mit seiner armen Bevölkerung war über alle diese Jahrhunderte von einer grossen Zahl von Katastrophen heimgesucht worden. Es wundert darum nicht, dass schon früh die Auswanderung einsetzte, zuerst in die Solddienste und danach als Käser oder Bauer ins ferne Ausland oder auch nur als Verdingkinder in die nähere und fernere Umgebung.
In Kapitel "3. Angeheiratete Balten" wird die Herkunft der verschiedenen Familien dargestellt, soweit überhaupt Quellen vorhanden waren. Die Geschichten über einzelne Persönlichkeiten dieser Familien wir erst im Kapitel 4.13-16. behandelt.
Konkrete Erlebnisse von Familienmitgliedern sind erst ab 1880, zuerst lückenhaft und dann ab 1900 detaillierter aufgezeichnet worden. Alle diese Erlebnisse und Geschichten sind in den Kapiteln 4.1.-12. Familie Voegeli sowie 4.13-16. Geschichten zu Angeheirateten Familien zusammengefasst.
Dem Leser dieser Familiengeschichte wird deshalb empfohlen sich vorallem auf die Kapitel 1 und 4 zu konzentrieren.
b. Zum Geleit von Ernst Probst-Voegeli, Basel, am 28. Mai 1945.
(Papierordner Quellen, Q1K)
Vor einigen Tagen ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Er hat Millionen von Menschenleben zerstört und unzähligen Familien auf immer auseinander gerissen.
Viele Kinder werden kaum mehr wissen, wie ihre Eltern ausgesehen haben. Von ihren Grosseltern und früheren Vorfahren kann ihnen niemand mehr berichten. Auch sie sind zwar ein Glied in der Kette der Generationen, aber sie wissen nicht mehr, durch welche Menschen sie mit der Vergangenheit verbunden sind.
Wir Schweizer sind durch Gottes Güte wieder einmal vor dem grossen Unglück bewahrt worden. Dafür können wir nicht dankbar genug sein. Nach wie vor können wir uns an dem erfreuen, was die Alten für uns erarbeitet und ersorgt haben. Angesichts der vielen Zerstörungen sehen wir gerade jetzt mit aller Deutlichkeit, wie viel wir ihnen verdanken.
Und was für das Land als Ganzes gilt, das gilt auch für die einzelnen Familien. Jedermann ist herausgewachsen nicht nur aus dem Blut seiner Vorfahren, sondern auch aus ihrem Denken und wirken, aus ihrem Fühlen und Sorgen. Unsere Vorzüge und unsere Schwächen zeigten sich in mannigfacher Ausprägung schon bei ihnen. Es ist darum nicht gleichgültig, von wo wir herkommen. Wir sind alle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich.
Das Wissen um die Art und um das Leben unserer Vorfahren kann uns deshalb in mancher Beziehung eine gewisse Hilfe bedeuten. Die Tüchtigkeit einzelner Ahnen mag uns zu tapferem Weiterwirken anspornen. Die Schwächen anderer können uns eine Mahnung sein, eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen und sie nach Möglichkeit zu überwinden. Zum Mindesten regt die Beschäftigung mit ihnen immer wieder zur Besinnung über die ewige Frage an woher wir kommen und wohin wir gehen. Solche Rückblicke und Einblicke geben uns ein Mass, für das was wir sind und was wir sein können.
Als Anregung zu solcher Besinnlichkeit möchte auch dieses Familienbuch dienen. Es enthält die Mitteilungen näherer und fernerer Verwandten, die ich im Laufe von nun etwa zehn Jahren zusammengetragen habe.
Einen Anlass zum Hochmut werden die Nachfahren der darin genannten Ahnen nicht finden. Wir sind keine "berühmte Familie", die einen Stammbaum von hervorragenden Vertretern aus Jahrhunderten aufzuweisen hat. Einigermassen verlässliche Nachrichten konnten nur bis zur Generation jener Urgrosseltern zusammengetragen werden die am Anfang des neunzehnten Jahrhundert gelebt haben. Aber es ist wohl ebenso interessant, von den Vorfahren in vier Generationen einige menschliche Eigenheiten zu erfahren, als die Namen der männlichen Erblinie über längere Zeiten aufzuschreiben und nichts von ihren Vertretern zu wissen. Von den Müttern und ihren Familien haben wir ja mindestens ebensoviel mitbekommen als von den Vätern, und in gewissen Ehen haben sie sich zweifellos als die stärkeren Persönlichkeiten erwiesen als ihre Männer. Überdies waren sie zu jeder Zeit die berufenen Trägerinnen des Familiengeistes, der auch in späteren Generationen fortzuwirken pflegt.
Ich habe mich auch bemüht, nicht nur Lobesworte und "Heldisches" zusammenzutragen. Vom "Heroischen" hat man ja in den letzten Jahren nur allzu viel Aufhebens gemacht und was dabei herausgekommen ist sehen wir heute. Es ist wohl besser, wenn man wohl bei sich selber als auch bei seinen Ahnen nicht nur die Vorzüge, sondern auch die Fehler und Schwächen sieht. Man gerät so weniger in Gefahr, den Boden der Wirklichkeit zu verlassen und in Selbstüberschätzung neben der Realität vorbei zu leben.
c. Abenteuer Familienforschung
Das Kapitel 1.c wurde von (V11.5.3)Luzius R. Huber verfasst und schildert wie spannend sich die Arbeit an der Weiterführung und Vertiefung der Familiengeschichte gestaltete. Wie ein Detektiv folgte ich den bereits bekannten Spuren und stiess auf immer mehr neue Quellen. Immer mehr zeigte sich auch, dass viele Angaben auch aus alten familiären Quellen sich gegenseitig widersprachen. Aufenthaltsortsangaben, Geburts- und Todestage, Altersangaben, Reisedaten usw. wichen in verschiedenen Dokumenten oder Geschichten voneinander ab.
Der Zufall hilft die Arbeit anzufangen.
Fast alle Zeitzeugen sind inzwischen gestorben. Im Sommer 1996 fand ich im Reihenhaus im Neubühl bei meiner Mutter per Zufall unter einigen Tageszeitungen und Nummern der Zeitschrift Schweizer-Familie eine Kopie des handgeschriebenen Manuskriptes der Familiengeschichte Voegeli, die von Ernst Probst-Voegeli 1945 aufgezeichnet wurde. Da mir das entziffern des handschriftlichen Originals Mühe bereitete, beschloss ich, den Text in den Sommerferien abzuschreiben und meiner Mutter zur Korrektur vorzulegen. Mir fielen schon damals einige Ungereimtheiten auf mit Lebensläufen die ich in der Zwischenzeit auch gesammelt hatte. Hat doch jeder Geschichtsschreiber freie Hand, die Geschichte, wenn vielleicht auch unbewusst, nach seinem Gutdünken etwas zu schönen oder zu dramatisieren. Damals beschloss ich, mich nach meiner Pensionierung dieser Familiengeschichte anzunehmen.
1999 war es so weit, doch die grosse Freude an der neu gewonnenen Freiheit setzte andere Prioritäten. Als dann im Januar 2003 meine Mutter (V11.5)Ellinor Huber-Voegeli starb war es zu spät von ihr weitere Details zu erfahren und meine Gotte (V11.6)Edith Reiss-Voegeli war inzwischen auch im neunzigsten Lebensjahr und zeigte keine Lust über ihre Jugend oder die Vergangenheit zu erzählen. Es war ihr lieber, dass ich von ihren vielen Grossnichten und -neffen berichten würde.
Die ersten Schritte ins Abenteuer.
Quellenmaterial bei Verwandten und Gemeinden beschaffen.
Zuerst nahm ich mit all jenen in der Verwandtschaft Kontakt auf, bei denen ich Quellenmaterial vermutete. Ich bat (V12.2)Felix Voegeli um seine sorgfältig geordnete Unterlagensammlung und holte sie bei ihm zuhause in Binningen ab. (V11.5.2.d)Christian Cerliani hatte nach dem Tod seiner Grossmutter, (V11.5)Ellinor Huber-Voegeli, beim Räumen des Haushaltes alle jene Unterlagen zusammengesucht die geschichtlich interessant sein könnten. Das waren sechs vollgepackte Migros Einkaufstaschen. Alles das brachte ich zu mir nach Küsnacht um es zu sichten.
Auf dem Korrespondenzweg versuchte ich von den Gemeindeverwaltungen Braunwald und Rüti Auskünfte zu bekommen oder zum mindesten Hinweise auf Personen die mir weitere Angaben liefern könnten. Weder von Rüti noch von Braunwald kamen brauchbare Hinweise. Im Gegenteil der ehemalige Gemeindeschreiber von Braunwald machte mir klar dass er wichtigere Arbeit habe als alten Familiengeschichten nachzuforschen. Im Übrigen seien alle alten Unterlagen in Glarus im Landesarchiv gelagert. Braunwald war erst 1939 durch Beschluss der Glarner Landsgemeinde eine selbständige Politische Gemeinde geworden und löste sich damals von Rüti. Das machte die Sache noch viel komplizierter. Dazu kommt noch der neuste Umstand, dass die Landsgemeinde Glarus 2008 beschlossen hat, sämtliche Gemeinden des Kantons in drei Grossgemeinden zusammenzufassen. Das Glarner Hinterland, bisher 13 Gemeinden, wurde zu einer Gemeinde, Glarus Süd, zusammengefasst. Es ist nun flächenmässig die grösste Gemeinde der Schweiz. Das vereinfachte die Suche nach alten Dokumenten nicht.
Bücher über die Schweizer im Ausland von Stefan Sigerist.
009.Postkarte vom 22.06.1900 von Jeannot Voegeli an seine Verlobte Lalla Günther in MitauIm Sommer 2006 zeigte mir mein Schul- und Studienfreund George Frey-Amacher einige von Stefan Sigerist aus Schaffhausen verfasste Bücher. Zu seiner Freude berichtet der Verfasser in verschiedenen Buchbänden über Schicksale von Schweizern im Ausland. Im Band über Familien im Balkan werden Vorfahren der Familie Frey geschildert die bis vor dem zweiten Weltkrieg eine grosse Papierfabrik in der Nähe von Sofia betrieben hatten. Auf den letzten Seiten des Buches, war ein Hinweis auf alle übrigen bisher erschienenen Bände. Ich bekam alle zur Ansicht.
Im Buchband über "Schweizer in Asien, Präsenz der Schweiz bis 1914", fand ich auf den letzten Seiten des Buches, eine kurze Bemerkung, dass neben dem Schweizer Yul Bryner auch noch andere Schweizer um die Jahrhundertwende in Wladiwostok tätig gewesen waren. Interessant war ein Hinweis, dass die "SCHWEIZ Versicherung" dort eine Agentur betrieb. Da ich aus unserer Familiengeschichte wusste, dass unser Grossvater (V10.7)Johann Carl Richard Voegeli-Günther auch mit Versicherungen arbeitete packte mich die Lust an die Arbeit zu gehen. Es fand sich auf Seite 305 der Hinweis, dass die bedeutende Firma "Kunst & Albers" ab 1907 dort als Havariekommissar für die SCHWEIZ-Versicherung aus Zürich tätig war.
Gemäss Lebenslauf musste unser Grossvater einige Jahre auch in dieser Firma tätig gewesen sein, bevor er 1907 die Vertretung der grössten russischen Schifffahrtsgesellschaft (der freiwilligen Flotte) übernahm. Nebenbei kaufte er auf eigene Rechnung von Versicherungsgesellschaften Ladungen von havarierten Schiffen, die er selbständig verwertete.
Archiv der "SCHWEIZ Versicherung ".
In einer Buchanmerkung war der Hinweis, dass das Archiv der "SCHWEIZ Versicherung" von der Swiss Re verwaltet werde. Den Verwaltungsratspräsidenten dieser Gesellschaft, Walter Kielholz, einen Zürcher Rotary-Freund, bat ich Mitte März 2007 um Zugang zu diesem Archiv, der mir auch umgehend zugesichert wurde. Ich wurde auf die Betreuerin des Archivs, Frau Bechter verwiesen. Ob sich dort etwas finden wird ist zurzeit noch offen, da ich noch nicht dort war.
Beschaffung des Landkartenmateriales.
In Gedanken versunkenen spazierte ich am 11. April 2007 durch die Altstadt Zürichs am Hirschengraben vorbei, wo mein Vater Fortunat Huber-Voegeli zusammen mit seinem ehemaligen Schulkameraden und darauf Schwager Adolf Guggenbühl-Huber und seiner Schwester Helen Guggenbühl-Huber bis 1961 den Schweizer-Spiegel herausgab. Das lenkte meine Gedanken auf die Familiengeschichte Voegeli, die immer wieder in meinem Kopf herumspukte.
Stadtplan von Wladiwostok.
Wie könnte ich eine Stadtkarte von Wladiwostok finden. Auf den unteren Zäunen kam ich an der Buchhandlung Pinkus vorbei, eine der einzigen Buchhandlungen, die traditionell immer kommunistische Literatur führte. Da gerade keine Kunden im Laden waren bat ich die einzige anwesende Verkäuferin die gerade am Computer sass, mir einen Stadtplan von Wladiwostok zu beschaffen. Das gäbe es nicht, war ihre spontane Antwort, aber sie könnte mir auf dem Internet nachschauen. Sie nahm sich mehr als eine Viertelstunde Zeit um in verschiedenen Anläufen Eingang in ein Planwerk zu finden. Plötzlich strahlte sie mich an und sagte schmunzelnd, da ist er, ein aktueller Stadtplan. Aber was wollte ich eigentlich wirklich. In den Unterlagen die mir (V11.5.2d)Christian Cerliani-Hauri übergeben hatte, befanden sich drei Fotos (3.FW.1-3). Diese zeigten unterschiedlichen Ansichten von zwei kleineren Mehrfamilienhäusern hintereinander oberhalb einer Strasse in ziemlich steiler Hanglage. Auf der Foto des grösseren Hauses war auf der Rückseite ein Adressenvermerk angebracht, der möglicherweise auf die Wohnadresse der Familie des Grossvaters (V10.7)Johann Carl Richard Voegeli-Günther hinweisen konnte: "Pushkinskaya Nr. 15/17". Auf einem zweiten Bild war etwas hangaufwärts im Hintergrund des grösseren Hauses ein kleineres Mehrfamilienhaus abgebildet. Das hätte gut die Unterkunft für die zahlreichen Hausangestellten sein können, die im Manuskript erwähnt worden waren.Wo sollte ich also diese Häuser auf dem modernen Stadtplan suchen. Ich hatte so meine Vorstellungen, wo er mit seiner Familie gewohnt haben könnte.
013.Die Strasse Pushkinskaya ist im Plan mit einem roten Strich bezeichnet. Die Familie Voegeli-Günther besass von ungefähr 1910 bis zur Enteignung nach der Russischen Revolution die Häuser Nr. 15 und Nr. 17
Unter dem Stichwort Wladiwostok hatte ich einige Tage vorher verschiedene Bilder von städtischen Strassenzügen um 1918 gefunden (20.1, 14, 15.1), sowie Fotos des ausgedehnten Hafenbeckens ( 21.1, 21.3, 17.1), wo Schiffe der Freiwilligen Flotte verankert waren. Wo diese Strassenzüge auf dem Stadtplan lagen hatte ich keine Ahnung.
020.1.Wladiwostok, Hauptstrasse Swetlanska unterer Teil
014.Wladiwostok Hauptstrasse
015.Wladiwostok, Hauptstrasse Swetlanska oberer Teil
017.Hafen von Wladiwostok zur Gründungszeit 1866
016.Cruiser Varyag in the Golden Horn Bay 1908021.3.Hafen von Wladiwostok 1904
Meines Wissens erzählte meine (V11.5)Mutter Ellinor nie vom Stadtleben sondern von einem Haus mit Garten. Da unser (V10.7)Grossvater unmittelbar mit der Schifffahrt, den Ladungen der Schiffe, den Kapitänen und den Versicherungsgesellschaften zu tun hatte, konnte ich mir nur ein Wohnort nahe des Hafenbeckens vorstellen. Da aber die erste und zweite Zeile von Parzellen längs dem Hafenbecken gemäss der Fotodokumentation eher mit Lagerhäusern, Werftgebäuden und Werkstätten belegt war, konnte das gesuchte Wohnhaus am ehesten in der dritten oder vierten Bautiefe liegen. Dort an der Hanglage, oberhalb des Hafenbeckens mussten die Häuser sein.
025.Mittlerer Teil des Stadtplanes. Oberhalb der zweiten Strasse über dem Hafen wohnte die Familie VoegeliTatsächlich fanden wir auf dem Plan (DVD Ordner L_143_Landkarten und Planausschnitte, L_143_101230_Wla4) am Hang oberhalb der Hauptstrasse, die dem Hafenbecken entlangführt und unterhalb zum Hafen hin einen breiten Landstreifen mit Hafengebäuden aufweist eine Quartierstrasse mit dem Namen "Pushkinskya". Einen Hinweis auf Kriterien für eine Systematik zur Gebäudenummerierung längs den Strassen fand sich aber nicht. Es wäre ein Zufall die Nummerierung wären nach den gleichen Kriterien wie in Europa vorgenommen worden, nämlich vom Stadtzentrum aus oder bergauf links die ungeraden und rechts die geraden Hausnummern.
Aber wo könnte ich einen Stadtplan von 1900 finden? Die Verkäuferin empfahl mir ein Antiquariat unterhalb des Hirschenplatzes, dort würden alte Reiseführer angeboten. Rasch war ich dort und durchforstete mit dem Antiquar alle Büchergestelle. Er bemerkte darauf zu mir: "Gehen Sie doch zur Zentralbibliothek die haben in ihrer Kartensammlung viele kuriose Kartenblätter. Sie hätten in den letzten hundert Jahren viele private Kartensammlungen übernommen und archiviert, das sei ein wahrer Schatz für Liebhaber". In wenigen Minuten war ich dort.
(Ganzer Stadtplan: 025.0.Beil.7.K,Pl_Wladi.Push4_Nd_06_1.jpg)
Kartenschatz der Zentralbibliothek Zürich.
Glücklicherweise war die Kartensammlung im ersten Stock offen. Nachdem ich an der Türe geklingelt hatte, empfing mich persönlich Herr Jost Schmid, wissenschaftlicher Geograph und nahm sich ausgiebig Zeit meine Wünsche anzuhören. Da auch er in seiner Freizeit gerade an einer Chronik für seine Familie arbeite, zeigte er viel Verständnis für mein Anliegen.
Er bat mich meine Wünsche in ein e-mail zu fassen, damit er einen klaren Auftrag habe. Beschwingt eilte ich nach hause und verfasste ein e-mail. Bereits am nächsten Mittag kam von einem Mitarbeiter der Kartensammlung eine Antwort mit folgendem Inhalt:
Sehr geehrter Herr Huber
Wir haben nach Karten gesucht, die Ihnen bei der Spurensuche nach Ihrem Grossvater helfen könnten.
1) Riga: Wir besitzen diverse Stadtpläne von Riga vom Ende des 19. und zum Vergleich vom Ende des 20. Jahrhunderts. Die älteren haben deutsche Namensformen. (Hier ist nur ein kleiner Ausschnitt abgebildet)
(Ganzer Stadtplan: 027.0.Beil.7.K,Pl_Riga.5_Dl_06_1.jpg)
2) Mitau (Jelgava): Ein kleiner Stadtplan vom Ende des 19. Jahrhunderts ist vorhanden.
(Hier ist nur ein kleiner Ausschnitt abgebildet)
(Ganzer Stadtplan: 028.0.Beil.7.K,Pl_091230_Mitau.1917.3_Dl_06_1.jpg)
3) Eichenhof (Lasva) und Alt Kroppenhof (Krape): Den Alten Kroppenhof konnten wir identifizieren, vorläufig aber noch nicht den Eichenhof. Wir verfügen über eine Übersichtskarte von Kurland mit deutschen Namen und zum Vergleich über eine moderne Satellitenbildkarte von Lettland 1:50'000.
(Hier ist nur ein kleiner Ausschnitt abgebildet)
(Grösserer Planausschnitt 029.0.Beil.7.K,Pl_091230_Krape.1_25.jpg)
4) Wladiwostok: Ein schwer lesbarer Stadtplan vom Ende des 19. Jahrhunderts ist da sogar die Hausnummern sind verzeichnet. Einen modernen Stadtplan haben wir nicht gefunden.
5) Yantai (Chefoo, Tschifu): Wir besitzen nur eine Übersichtskarte 1:300'000 vom Beginn des 20. Jahrhunderts sowie moderne chinesische Übersichtskarten. In einem schönen Band über chinesische Stadtpläne ist Yantai leider nicht abgebildet.(Hier ist nur ein kleiner Ausschnitt abgebildet)
Auch wenn nicht alles Wünschbare vorhanden ist, lohnt es sich schon, bei uns vorbeizuschauen. Wir haben jeweils geöffnet: MO-FR 14-18, SA 14-16
Mit freundlichen Grüssen, i.A. Markus Oehrli
Auswertung der Pläne.
Eine Woche später lagen alle Pläne in einer grossen Mappe im Lesesaal auf einem Tisch bereit. Ich studierte sie eingehend und war überwältigt von den Funden und den freundlichen Bemühungen des Geographen. Zusätzlich hatte er mir noch eine Generalkarte der Russischen Ostprovinzen von 1908 herausgesucht, da auch diese mich interessieren könnte. Herr Oehrli erklärte mir, dass die Schweiz seit langer Zeit ein Zentrum der Produktion geografischer Karten sei. Zudem hätte die Zentralbibliothek viele Archive von Kartenliebhabern übernehmen dürfen. Diese Karten würden Interessenten zur freien Verfügung stehen.Ich gab eine ausführliche Bestellung auf zur Digitalisierung der wichtigsten Karten und von wichtigen Kartenausschnitten. Mit etwas ungläubiger Mine nahm er die Bestellung über den Betrag von rund Fr. 570.- entgegen. Ich war glücklich.
Am 30. April 2007 konnte ich die Pläne auf zwei CDs entgegennehmen mit der ausdrücklichen Erlaubnis diese unter Quellenangabe weiter zu verwenden. (Grösserer Plan: 030.0.Beil.7.K,Pl_091230_Chefoo_1.jpg)
Reise ins Baltikum 2007.
Vorbereitung.
(V11.5.2.)Ellinor Cerliani-Huber (Nörli, wie die meisten sie nennen), meine Schwester brauchte nicht lange überredet zu werden mit meiner Frau Anne und (V11.5.3)mir zusammen vom 16. bis zum 31. Mai 2007 mit einer Studiosus-Gruppe eine Reise ins Baltikum zu unternehmen.
Zur Vorbereitung gehörte, aus allen möglichen Unterlagen, wie Postkarten, Briefen und Berichten, Adressen unserer Vorfahren herauszusuchen, damit wir um Riga herum an einem freien Tag möglichst viele Orte aufsuchen könnten.
Auf einer Rotary-Wanderung im März 2007 erzählten ich Alt-Regierungsrat Erich Honegger ein Freund aus dem Rotaryclub Zürich von unserer Reiseabsicht. Er bot uns an, in Riga einen Mitarbeiter seiner dort mit einer Filiale vertretenen Firma einen Tag lang mit Wagen zur Verfügung zu stellen, damit wir die verschiedenen Orte unserer Wahl aufsuchen könnten.
Von der Generalkarte von 1908 und den anderen Kartengrundlagen, insbesondere von der Innenstadt Riga und Mitau erstellte ich entsprechenden Ausschnitte die uns auf unserer Erkundungsfahrt um Riga behilflich sein könnten. Die Lektüre von Büchern einiger Baltischer Schriftsteller ergänzte unser Wissen.
Auf der Spurensuche in Riga.
Nach der gemeinsamen Stadtbesichtigung mit der Studiosus Reisegruppe, machten wir uns in der Stadt mit meiner Schwester (V11.5.2.)Ellinor Cerliani-Huber auf die Suche nach den Standorten der mir aus den Dokumenten wie Postkarten, Briefen und Geschichten ermittelten Adressen.
032.Die "Altstadtstrasse" ist sehr kurzMeine Erkundigen bei der Reiseleitung nach einem Laden in dem historische und geografische Stadtkarten erhältlich wären ergaben, dass in der Altstadt noch einer der wenigen Deutschbalten leben würde, der führe ein Antiquariat. Nach kurzem Suchen fanden wir den von alten Büchern überquellenden Laden. Der etwas missmutige alte Mann zog nach unserer Frage ein Bündel zusammengeklebter Xeroxkopien aus einer Schachtel hervor und bot sie uns für einen ziemlich hohen Preis an. Für mich war dieser Plan nichts neues, denn denselben besass ich bereits als digitales Dokument wie auch als Ausdruck. Dafür kaufte ich ihm noch eine aktuelle Landkarte 1:100'000 der weiteren Region um Riga, "Ogres Rajons" ab, die uns noch gute Dienste leisten würde.
Unsere wichtigste Frage an ihn war: "Wo liegt in der Stadt Riga die Strasse mit dem Namen Altstadt", dort hatte nämlich vor und während dem ersten Weltkrieg (V10.3)Anna Elisabeth Beck-Voegeli (Tante Ella) gewohnt. Das beantwortete er sehr spontan.
Auf unserem Plan von Riga aus dem Jahr 1885 hatten wir diese Strasse nicht ausfindig machen können und erst recht nicht auf dem modernen Stadtplan in Lettischer Schrift, denn nach dem ersten Weltkrieg, nachdem Lettland endlich seine Unabhängigkeit erreicht hatte, wurden alle Strassen mit lettischen Namen versehen. Mit einer Handbewegung wies er uns auf eine kleine Gasse am nördlichen Rand der Altstadt.
Glücklicherweise verfügten wir über den alten Stadtplan von Riga aus dem Jahr 1885 der Zentralbibliothek in Zürich. In der Zwischenzeit waren ja die Deutschen Strassennamen verschwunden. Oft wurden sie einfach in lettische Sprache übersetzt, aber vielfach auch in ihrer Bedeutung völlig geändert.
Alexanderstrasse 25, neu Brivibas jela 25.
035.An der nördlichen Ecke der Kreuzung wohnten J.B.Voegeli-Drescher mit seiner Frau Amalie 1900-1910Gemäss ve034.Heute steht an der Kreuzung am gleichen Standort, auf den Park orientiert das moderne Reval Hotel Latvijarschiedenen Textstellen in den Geschichten von (V10.6.1)Johanna Lilly Feldmann-Voegeli (Hansi), Tochter der (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Voegeli-Günther (Toni), wohnten während der Revolution (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher nach dem Tod seiner Frau (Dr2.1)Amalie Voegeli-Drescher (am 2.11.1910 in Bilderlingshof) in Riga in eine Parterrewohnung in einem Hofhaus an der Alexanderstrasse 25 gegenüber der Esplanade.
Genauere Angaben zur Adresse waren leider in den Unterlagen der Familiengeschichte nicht zu finden. Er wohnte dort zusammen mit seinem auch erst kürzlich verwitweten Bruder (V9.7)Paul Melchior Voegeli-(Köhler)Rabensee mit seiner zweiten Frau Anna Wollner geb. Rabensee.
Die jüngste ledige Tochter von (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher, (V10.5)Augusta Ernestina Voegeli (Gustchen), sorgte für den gemeinsamen Haushalt.Das alte Haus ist offensichtlich abgebrochen worden, denn es steht heute ein grosser, moderner Hotelkomplex, das Reval Hotel Latvija an dieser Strassenecke mit der neuen Adresse Elisabetes Jela 55. Der Eingang ist nicht mehr auf die frühere Alexanderstrasse orientiert
sondern liegt neu an der Seite des Esplanade Park. Die Hausnummer wurden im Übrigen erstaunlicherweise belassen. Ableiten lässt sich dies sowohl aus dem alten als auch aus dem neuen Stadtplan.
Auch auf dem neuen Stadtplan hatte diese Gebäudeecke noch die Nr. 25, da das nächste Gebäude in Richtung Stadtzentrum, die Russisch Orthodoxe Kirche, in beiden Plänen die Nr. 23 aufweist und das Gebäude stadtauswärts nach dem grossen Hotelkomplex immer noch die Nr. 31 trägt.
Die Alexanderstrasse, wurde nach der Befreiung von der russischen Oberherrschaft 1920 in der Zwischenkriegszeit zur Freiheitsstrasse, im dritten Reich zur Hitlerstrasse und nach der Besetzung durch die Russen 1944 zur Stalinstrasse und nach der Wende von 1990 wieder zur Freiheitsstrasse, d.h. neu jetzt Brivibas jela und zum Teil Brivibas bulvari, wo sie den Esplanade-Park durchquert.
Nikolaistrasse, neu Krisjana Valdemara jela.
Es gibt Hinweise im Text von der oben genannten (V10.6.1)Johanna Lilly Feldmann-Voegeli (Hansi), dass ihre bereits vaterlose Familie während dem ersten Weltkrieg in der Nähe des Esplanade Park an der Nikolaistrasse gewohnt habe. Leider ist keine Hausnummer überliefert. Die Nikolaistrasse entlang der Esplanade wurde nach der Unabhängigkeitserklärung in Krisjana Valdemara jela umbenannt.
Altstadt 36, 3b oder 3G, neu Vecpilsetas jela 3b.
036.Hofeinfahrt zum Haus Altstadt 3GAuf Grund des Hinweises des Antiquars fanden wir die Strasse "Altstadt" bald. An dieser Adressewohnte (V10.3)Anna Elisabeth Beck-Voegeli vor und während dem ersten Weltkrieg (gemäss einer Postkarte vom 4.09.1907). Ihr Mann, der in Riga einen Coiffeursalon betrieb, war vor dem Krieg am 24.07.1912 gestorben.
Der Name "Altstadt" wurde direkt ins Lettische zu Vecpilsetas jela übersetzt. Im Quartier angekommen stellten wir fest dass es sich nur um zwei kurze Strassenstücke mit ganz alter Bausubstanz handelte. Die höchste Hausnummer war die Nr. 20, somit war klar, dass es sich nur um das Haus Nr. 3b oder 3G handeln konnte. Das Haus Nr. 3 weist zwei Bautiefen auf und damit einen Hof. Uns war nun klar, dass wir ihren früheren Wohnort gefunden hatten. Der Buchstabe G wies auf eines der Treppenhäuser hin das in diesen Hof mündet.
Bergengruen Siechenhaus (existiert wahrscheinlich nicht mehr), an der Charlottenstrasse 64, neu an der Verlängerung Krisjana Valdemara jela
037.Standort des Bergen-gruenschen Siechenhauses an der CharlottenstrasseWährend und nach dem ersten Weltkrieg bis etwa um 1934 ist für (V10.2)Johanna Amalia von Radecki-Voegeli (Hanna) der Wohn- und Arbeitsort nicht immer klar. Es gibt aber an sie adressierte Briefe an das "Bergengruensche Siechenhaus".
Ein enger Freund der Familien Voegeli und Günther war vor und während dem ersten Weltkrieg der bedeutende lutherische Pfarrer Oskar Albert Karl Schabert, der bis 1920 Präses der Rigaer Stadtdiakonie, sowie Präses des Kuratoriums des Alexander-Bergengruen-Siechenhauses war. (siehe DVD-Ordner L_143_Anhänge, Informative Texte)
Es gibt eine Fotografie auf der (V10.2)Johanna Amalia von Radecki-Voegeli (Hanna) zusammen mit einer grösseren Belegschaft von wahrscheinlich Krankenschwestern vor einem Gebäude sitzt.
Wir müssen noch weiter forschen ob sie dort und in welcher Funktion gearbeitet hat. Es ist nämlich anzunehmen, dass sie während und nach dem ersten Weltkrieg ihre früher in Bilderlingshof betriebene Strandpension nicht mehr aufrechterhalten konnte. Ihr Mann (Ra2)Arthur Baron von Radecki starb erst am 7.9.1923.
Gemäss altem Stadtplan von 1885 zweigte die Charlottenstrasse von der Alexanderstrasse kurz nach dem Städtischen Krankenhaus nach Nordwesten ab, wo beim Wagners Kunstgarten die Nikolaistrasse einmündete. Die Charlottenstrasse führte dann nach Norden bis zum Kriegs-Hospital. Kurz vorher ist auf der rechten Strassenseite ein Siechenhaus im Stadtplan eingezeichnet. Das könnte das Alexander Bergengruensche Siechenhaus gewesen sein. Neu würde der Standort des Siechenhauses wahrscheinlich an der Verlängerung der Krisjana Valdemara jela liegen, die zu Lasten des Wagners Kunstgarten gestreckt und neu dem Verlauf der alten Charlottenstrasse folgt. Was heute am ehemaligen Standort des Siechenhauses steht habe ich noch nicht überprüft.
Rundfahrt bei Riga.
Am 24. Mai 2007 sollte uns um 09.00 Uhr der Mitarbeiter von Eric Honegger, Dimitri Baulins vor dem Hotel in Riga abholen. Er war mit seinem Wagen pünktlich beim Hotel angelangt aber da wir uns gegenseitig nicht erkannten dauerte es bis 09.20 Uhr bis wir wirklich losfahren konnten.
038.Der Weg führt uns durch schöne Alleen
039.Die Strassen werden immer schmaler
Ich händigte ihm für die Fahrt unsere Landkarten aus, da diese viel besser waren, als was er mitführte. Wir fuhren bei strahlendem Sonnenschein in östlicher Richtung entlang dem Fluss Daugava (Düna) aus Riga hinaus aufs Land. Bis zur Ortschaft Ogre folgten wir einer autobahnähnlichen Strasse die sich dann bis zum Dorf Dzelmes zu einer asphaltierten Landstrasse verschmälerte. Nach rund 75 km zweigten wir im rechten Winkel vom Fluss weg in nördlicher Richtung ab auf eine immer schlechter werdende Strasse. Die Gegend wurde ruhiger und war weniger dicht besiedelt. Nur noch hin und wieder standen einsame landwirtschaftliche Bauten in den Wiesen. Die Wälder schlossen sich oft eng an die Strasse, dann öffnete sich die Landschaft wieder und die Strasse folgte auf schmalen Naturstrassen niederen Alleen oder entlang dichten Feldgehölzen. Kurz nach Jumprava, etwa 6 km vom Fluss entfernt verwandelte sich die Naturstrasse in eine landwirtschaftliche Piste. Wir liessen hinter uns eine riesige Staubwolke entstehen, die im leichten Seitenwind langsam über die Felder hinweg strich und die Sicht nach hinten völlig vernebelte.
040.Wir begegnen einsamen Weilern
Veckrape zu Deutsch "Alt Kroppenhof".
Nach weiteren rund sechzehn Kilometern bogen wir dank unserer guten Karte an der richtigen Weggabelung nach rechts ab, durchquerten einen lichten Wald und erreichten das Örtchen Veckrape d.h. auf Deutsch Alt Kroppenhof.
Wir hatten uns offenbar viel zu grosse Hoffnungen gemacht. Rechts in einer Wiese standen nahe beieinander einige graue vergammelte landwirtschaftliche Bauten. Einige hundert Meter weiter ragten Reste des Giebels einer Scheunenfassade aus roten Feldsteinen aus dem verwilderten Gelände. Es gähnten uns nur hohle Fensterlöcher an. Etwas verloren fuhren wir den von uns als Dorfstrasse vermuteten staubigen Strassenzug hin und her und versuchten mittels der aktuellen Karte herauszufinden, wo wohl das Schloss Kroppenhof oder das Pachtgut Alt Kroppenhof hätte gestanden haben können. Wie gut konnten wir uns vorstellen, wie unsere Vorfahren hier mit Kutschen und Leiterwagen oder hoch zu Ross in dieser Landschaft herumgefahren sind. Wir fanden wohl eine Russisch Orthodoxe Kapelle und ein lutherisches Gebetshaus, aber Spuren eines Herrenhauses waren nicht auszumachen. Wir waren viel zu schlecht vorbereitet auf diese Begegnung.
041.Bei Kroppenhof begegneten wir Ruinen abgebrannter Scheunen
042.In Kroppenhof steht noch eine Lutherische Kirche
043.In Kroppenhof steht auch eine Russisch Orthodoxe Kirche
044.Aus der Zeit der Kolchosenwirtschaft stehen noch Wohnblöcke
Mitten in den Feldern standen einige verlotterte 045.Die Frau die wir auf dem Feld antrafen weiss nichts von früherdreigeschossige Plattenbauten aus Backstein- und Betonelementen, die offenbar der grossen Arbeiterschaft der früheren landwirtschaftlichen Kolchose als Wohngelegenheit gedient hatten. Davor arbeiteten in einem Acker zwei Frauen. Unser Fahrer Dimitri stieg aus und fragte auf unseren Wunsch hin, wo wohl der ehemalige Gutshof Alt Kroppenhof gestanden habe. Sie schüttelten nur den Kopf und hatten keine Ahnung was wir hier
wollten. Wohl hatte es auf unserer Landkarte in der Nähe des Flussüberganges eine Stelle die mit Krapesmuiza angeschrieben war, was eigentlich Schloss Kroppenhof heisst. Mehr als nur altes Gemäuer war auch dort nicht zu finden.
046.Nahe bei der Brücke über das Flüsschen Lobe stehen noch Reste einer Mühle.Am nahen Flüsschen Lobe fanden sich bei einer Brücke eine kleine Gebäudegruppe die auf einen alten Mühlenbetrieb hinweisen könnten. Auf der Südseite des Dorfes stand auch noch ein verlottertes Industriegebäude, aber es war nicht ersichtlich ob hier noch etwas produziert wird.
047.Der Auswanderer (V8.4)Balthasar Voegeli als Gutsverwalter auf Gut Alt Kroppenhof
073.Generalkarte der Russischen Ostseeprovinzen von 1908. Darauf sind alle Güter, Orte, Städte und Landkreise mit deutschen Namen eingetragenAuf dem Gutshof Alt Kroppenhof lebte und arbeitete unser 1817 aus Rüti ausgewanderte Vorfahre (V8.4)Balthasar Voegeli vermutlich vorerst als Käser, dann Viehpächter und später als Gutsverwalter bis zu seinem Tod 1870. Hier zog er mit seiner Baltischen Frau Christine Ludwig aus Kokenhusen, die er am 6.11.1831 ehelichte seine sechs Kinder auf. Wir fanden uns trotz den Planunterlagen im kleinen ländlichen Örtchen kaum zurecht. Als grösstes Hindernis stellte sich natürlich heraus, dass wir uns wegen der unüberbrückbaren Sprachbarriere nicht mit den ansässigen Leuten unterhalten konnten und unser Fahrer Dimitri, wegen seinen sehr beschränkten Deutsch- und Englischkenntnissen uns nicht wirklich helfen konnte. Wir mussten zur Kenntnis nehmen dass offenbar das Schloss Kroppenhof und der Gutshof Alt Kroppenhof schon vor etwa 100 Jahren zerstört wurde.
Auf einer der alten Karten von Kurland aus dem Jahr 1846, von der Zentralbibliothek Zürich, ist auch noch ein "Krug" eingetragen, d.h. eine Wirtschaft. Von dieser waren auch keine Spuren auszumachen.

Bevor wir weiterfuhren studierten wir noch die Rückseite der offiziellen, aktuellen Strassenkarte 1: 100'000 des Gebietes Ogre, auf der in Lettisch einige Hinweise zum Ort Krapes angebracht waren. Die Grösse der Gemeinde umfasst 72,7 km2. Sie zählt 876 Einwohner. Erst beim zweiten Mal Durchlesen des lettischen Textes fiel uns neben den Erläuterungen über die zwei örtlichen Kapellen und bezüglich Krapes Muizas noch ein Hinweis auf Barona Fitinghofa in die Augen. Nörli und mir ging plötzlich ein Licht auf. Könnte es wohl sein, dass der während dem zweiten Weltkrieg vielleicht als Emigrant im Neubühl wohnende freundliche ältere Maler Baron von Vietinghoff und sein damals kleine Sohn Alexander etwas mit diesem Ort zu tun hätten? Dieser neuen Spur wollten wir nach unserer Heimkehr unbedingt sofort nachgehen. Frau Liane von Vietinghoff, das war sich meine Schwester sicher, lebt noch heute im Neubühl.
Und dennoch, der Ausflug gab uns einen guten Eindruck von der einsamen aber fruchtbaren Gegend, wo unsere Vorfahren gelebt hatten.
049.Eine staubige Allee in Richtung Mitau Etwas ernüchtert verliessen wir den Ort und fuhren auf einer staubigen Naturstrasse durch eine uralte enge Allee in Richtung Westen weiter. Unterwegs trafen wir auf die Spuren eines weiteren vergangenen Herrengutes, das Ledmanesmuiza. In seiner Nähe steht heute ein neues Blockhaus mit einer schönen Wirtschaft und wenigen Gastzimmern. Hier könnte man einige Tage verbringen um die Gegend zu studieren. Mit etwas Geduld könnte man vielleicht noch zusätzliche Informationen gewinnen. Eine freundliche junge Frau servierte uns als einzigen Gästen in ihrer in hellem Holz rustikal gestalteten Stube einen Kaffee und baltische Backwaren, d. h. feine Nussgipfel.
Etwas enttäuscht fuhren wir weiter durch die ausgeräumt wirkende landwirtschaftlich genutzte, leicht wellige Landschaft. Es wird sinnvoll sein in einem späteren Zeitpunkt, den Ort nochmals zu besuchen.
Wir fuhren auf dieser staubigen Landstrasse noch 16,5 km weiter nach Westen und zweigten dann in Richtung Daugava-Fluss ab und überquerten den Fluss bei Kegums. Auf der linken Uferseite fuhren wir durch lockere Wälder und weite moorige Felder an verlassenen Bauernhöfen vorbei.
Jelgava, zu Deutsch "Mitau".
Nach der Brücke fuhren wir längs dem Fluss durch ein locker bestandenes, sumpfig wirkendes Waldgelände in Richtung Jelgava.
Jelgava oder Mitau wie es bis nach dem zweiten Weltkrieg hiess, nahm in beiden Weltkriegen grossen Schaden, so dass von den Bauten und Strassen auf unserem handgezeichneten Plan von 1917 nicht mehr viel zu erkennen war. Dennoch blieb uns ein guter Eindruck von dem kleineren Landstädtchen in dem lange Jahre die Familie von Günther, d.h. jene Familie aus denen drei Töchter von (Gü4.3, Gü4.7, Gü4.8)Günther zwischen 1902 und 1905 drei Söhne (V10.6-8)Voegeli heirateten. Auf Grund des Stadtplanes versuchten wir die verschiedenen in alten Briefen und Postkarten angeführten Adressen ausfindig zu machen und nach den alten Bauten zu suchen.
051.Im heutigen Mitau stehn nur noch sehr wenige Gebäude aus der Zeit von 1910
052.In der Verlängerung des Blockes Peterstrasse 10 stand das Haus Peterstrasse Nr. 8 wo (Gü4.8)Olga Günther zur Zeit der Verlobung gewohnt hatte.
Die Zerstörung hat praktisch nichts mehr zurückgelassen mit Ausnahme eines viergeschossigen Mehrfamilienhauses aus roten Backsteinen an der Peterstrasse, heute Petera Jela Nr. 10, das in einer Häuserzeile stand und erahnen liess wie das frühere Nachbarhaus mit der Nr. 8 ausgesehen haben könnte, wo einmal unsere Grossmutter (Gü4.8)Olga Maria Voegeli-Günther (Lalla), auf Grund der Zustelladresse von Postkartenkorrespondenz kurz vor ihrer Heirat gewohnt haben musste. Was wir natürlich noch nicht wissen konnten, dass die Familie von Günther früher lange Jahre in einem Haus auf der herzoglichen Schlossinsel gelebt hatte, wo der Vater (Gü3)Johannes von Günther-Gruner von 1865 - 1888 als Polizeiinspektor wirkte und unter anderem Verantwortlich für die Gefangenen war. Da er mit diesen offenbar teilweise sehr freundlich und zu menschlich umging, wurde er quasi strafversetzt in die Hafenstadt Windau, aber davon in der Familiengeschichte.
Auf den Besuch von Bilderlingshof (Buldur), dem Strandgebiet von Riga mussten wir aus zeitlichen Gründen verzichten, zudem nahmen wir an, dass diese Gegend durch Neuüberbauungen völlig verändert und nicht mehr erkennbar erscheinen würde.
Das Baltikum und Riga.
Trotzdem dass die Stadt Riga mehrere Kriege und Revolutionen durchlebt hat, ist das Erscheinungsbild soweit erhalten geblieben, dass man sich ihrer grossen kulturellen und geschichtlichen Bedeutung bewusst wird, wenn man durch die Stadt wandert. Aus allen Epochen, seit ihrer Gründung um 1200 im Mittelalter sind noch wichtige Zeugen erhalten. Es war eines der vorgeschobenen Zentren der agressiven Kolonisierung und Missionierung durch den Deutschen Orden, der die hier seit mindestens 2000 Jahren ansässigen Völker mit Waffengewalt unterwarf und zum Christentum zwang. Bald wurden die Ländereien in Verwaltungseinheiten aufgeteilt und gingen in den Besitz von deutschen Adligen Familien, die darauf während fast siebenhundert Jahren das Land wirtschaftlich und militärisch beherrschten. Um die Länder des Baltikums stritten sich viele Machthaber. Vorerst der Deutsche Orden, der sich nach der Eroberung als rechtmässiger Besitzer empfand, das russische Zarenreich, dem der Zugang zur Ostsee lebenswichtig erschien, das polnische Königreich, das über die Jahrhunderte in unterschiedlicher Grösse und Bedeutung, Teile vom Baltikum beanspruchte, sowie Preussen, dass sich immer mehr der Ostsee entlang ausdehnte. Später drangen auch Schweden und Dänemark ins Baltikum ein.
Von 1200 bis 1990 wurde das Baltikum meist durch fremde Besetzer und lokale Herrscher immer wieder anders in Länder und Interessenbereiche aufgeteilt. Die lokale baltische Bevölkerung hatte dazu nichts zu sagen. Die herrschende Oberschicht, ursprünglich meist Abkömmlinge oder Günstlinge der Ritter des Deutschen Ordens blieben bis zur russischen Revolution auch die Besitzer der zum Teil riesigen Landgüter. Diesen Besitzern war es eigentlich nicht so wichtig, welchem Reich oder Herrscher sie unterworfen wurden, wenn sie nur ihre Privilegien, Besitztümer und Landgüter sichern konnten. Je nach politischer Situation schworen sie dem jeweiligen Herrscher Treue, waren dies nun Preussen, Russen, Polen, Litauer, Schweden oder Dänen.
Als unser Vorfahre (V8.4)Balthasar Voegeli 1817 ins Baltikum auswanderte, war das Gebiet um Riga Teil der russischen Ostseeprovinzen und das blieb so bis zur russischen Revolution 1917. 1918 bis 20 fanden die baltischen Befreiungskriege statt. In dieser sehr turbulenten Zeit verliessen die meisten unserer Familienmitglieder das Baltikum in Richtung Schweiz. Ausgeharrt hatte eigentlich nur (V10.2)Johanna Amalia von Radecki-Voegeli (Hanna), die noch, von einem kürzeren Aufenthalt in Braunwald 1933 ausgenommen, bis Ende 1935 in Riga im Bergengruenschen Siechenhaus tätig war. Sie kehrte gemäss der Akten erst im Januar 1936 definitiv in die Schweiz zurück. (Papier-Ordner Q18KS).
Gemäss Bestätigung des Schweizerischen Konsulates in Riga wird am 12.Februar 1932 das Umzugsgut von (Gü4.3)Wilhelmine Lilly Antonie Voegeli-Günther (Toni), geb. 5.12.1872, aufgelistet und als ihr persönlicher Besitz anerkannt und für den Umzug in die Schweiz freigegeben. (Papier-Ordner Q16KS. S.1-4)
Geschichtsbuch, Geschichte des Baltikums.
ISBN 9985-2-0604-5 1999, 2002, (AS BIT, Pikk 68, Tallin 10133 Estland)
Auf die Frage an den Studiosus-Reisebegleiter Marek, ob es denn eine neuere Ausgabe über die Baltische Geschichte gäbe, versprach er uns in der Stadt Pernu, Estland, eine Buchhandlung zu zeigen, wo er eine deutschsprachige Ausgabe der Baltischen Geschichte gesehen hätte. Es sei eine moderne Ausgabe für die Schulen und Universitäten des Baltikums aber auch für andere Länder, verfasst in einem überschaubaren Heft von etwa 200 Seiten, mit viel Karten und Bildern, von einheimischen Historikern aus Litauen, Lettland und Estland, die nach 700 Jahren erstmals die Geschichte aus ihrer Sicht darstellen durften, ohne Rücksicht auf übergeordnete Mächte Rücksicht zu nehmen. Dass das eine etwas andere Sicht ergeben habe als die Darstellungen der bisherigen Geschichtsschreiber sei selbstverständlich. Bei der Geschichtsschreibung aus deutschbaltischer, polnischer, russischer oder sowjetischer Sicht, oder gar aus der Sicht der Ordensritter des Deutschen Ordens oder der während der letzten 700 Jahren herrschenden Adelsfamilien, die über die heimische, vorerst als Leibeigene, später als wohl freie aber in völliger Armut und ohne Schulbildung gehaltene, ländliche Bevölkerung, galten in früheren Darstellungen völlig andere Wertmassstäbe. Der bei der lokalen Landbevölkerung in den 700 Jahren unterdrückte aber noch nie erlahmte Drang zur Freiheit wurde mit Recht von der herrschenden Schicht immer als Bedrohung wahrgenommen. Sobald sich Gelegenheiten ergaben, brachen darum auch die Unruhen der Landbevölkerung umso gewalttätiger aus und führten zur Vernichtung unermesslicher, wertvoller angehäufter Kulturgüter. Die Wut auf die Herrscher kannte kaum Grenzen und war nicht in der Lage bei ihrem Kampf auf Kulturgüter Rücksicht zu nehmen. So wenig, wie die Herrscher während dieser Zeit bereit waren, der Kultur der einheimischen Völker die angemessene Wertschätzung zu bezeugen.
Obwohl es zur Politik aller Herrscher des Baltikums gehört hatte, die lokale Bevölkerung mit Deportationen oder Liquidationen ganzer Bevölkerungsteile zu dezimieren oder durch Infiltrierung anderer, landesfremden Völkern zu verdünnen, gelang es nie den Drang zur Freiheit auszurotten. Erstaunlicherweise schlossen sich häufig nach kurzer Zeit die zugezogenen diesem neuen Gedankengut an.
Reist man durch die Baltischen Staaten, so kommt in jedem Gespräch, bei jeder Manifestation, bei jedem Fest dieser unbedingte Wille zur neu gewonnenen Eigenständigkeit zum Ausdruck. Sei dies nun an lokalen Märkten, bei der Präsentation ihres Kulturgüterschatzes in Ausstellungen oder in Stadt- und Ortszentren oder auch im selbstbewussten Auftreten als neue Kleinunternehmer im Baugewerbe, in der Gastronomie oder in den vielen neuen Läden in allen Städten und Dörfern. Es herrscht wo man hinkommt eine verbindende Aufbruchstimmung, die hilft, das wenige das diese schlimmen Zeiten überlebt hat mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mitteln, zu ergänzen, zu verschönern und gastfreundlicher zu gestalten.
Muizas Barona Fitinghofa oder Baron Egon von Vietinghoff.
(In der Folge ist ein Teil des Briefwechsels per e-mail angefügt. Ich beschränkte mich auf jene Dokumente, die einen Hinweis zu Alt Kroppenhof enthalten.)
Zuhause angekommen machte ich mich sofort daran die Spur nach Baron Egon von Vietinghoff zu verfolgen, der uns als älterer freundlicher Emigrant und Kunstmaler aus unserer frühen Kindheit bekannt war. Meine Schwester versicherte mir, dass die (zweite) Frau von Baron Egon von Vietinghoff immer noch im Neubühl wohne, es sei die Stiefmutter von Alexander von Vietinghoff, den wir als kleinen blonden Knaben am Sandhaufen kennen gelernt hatten.
Im Telefonbuch fand ich dann unter Liliane von Vietinghoff (Egon von Vietinghoff-Stiftung) in Zürich, die gewünschte Telefonnummer und die e-mail Adresse.
Ich setzte mich sofort hin und verfasste folgendes e-mail:
Sehr geehrte Frau von Vietinghoff, Q19.1_070606_
Vor einer Woche kamen meine Schwester Ellinor Cerliani-Huber (Ostbühlstrasse) und ich von einer Reise durch die drei baltischen Länder zurück. Uns interessierte die Geschichte dieser drei Länder, aber noch viel mehr einige Orte aufzusuchen wo unsere Grosseltern Voegeli-Günther mütterlicherseits (die Eltern von Ellinor Huber-Voegeli) und noch frühere Vorfahren gelebt haben und tätig waren.
Im Hungerjahr 1817 wanderte der 1801 geborene Balthasar Vögeli aus dem Kanton Glarus nach Livland aus und fand dort eine Tätigkeit als Käser auf einem Gutshof, alt Kroppenhof genannt. Er heiratete am 6. Nov. 1831 Christina Ludwig von Kokenhusen und sie hatten zusammen sechs Kinder. Nach den Angaben unserer Familienchronik soll er später diesen Gutshof verwaltet haben. Er starb angeblich am 6. Januar 1870. Wo er und seine kurz nachher verstorbene Frau begraben liegen, wissen wir nicht.
Sein Sohn, geboren am 28. Juni 1838, Johann Balthasar Voegeli wuchs auf dem Gut Alt Kroppenhof auf und soll nach Angaben der Familienchronik als junger Mann später das Gut Eichhof in Livland (heute Estland bei Werro, wahrscheinlich damals zu Neuhausen gehörend) verwaltet oder gepachtet haben (( wie sich später, 2011 herausstellen sollte, war das eine falsche Annahme, der Beihof Eichenhof liegt gleich neben dem Alt Kroppenhof!)). Gegen Ende des Jahrhunderts, wir können das nicht mehr feststellen, führte er südlich von Walk bei Gulben, eine Poststelle mit Pension. Spätestens bei Beginn des ersten Weltkrieges und bis ca. 1919 war er dann in Riga an der Alexanderstrasse 25 wohnhaft. Nachdem er 1919 in die Schweiz zurückgekehrt war, starb er 1921 in Braunwald.
Unsere Frage ist nun folgende:
Vor der Besichtigung des Geländes von Alt Kroppenhof kauften wir eine Landkarte 1: 100'000 von diesem Gebiet und fanden auf der Rückseite einen Text mit dem Hinweis auf den Namen Barona Fitinghofa.
Da meiner Schwester und mir, als Neubühler der Name von Vietinghoff ein Begriff war und wir uns beide gut an den freundlichen älteren Herrn, den wir in unserer Jugend oft im Neubühl trafen, wie auch sein Sohn (der, soviel mir noch in Erinnerung blieb, Alexander hiess), nahmen wir uns vor, Sie anzufragen, ob vielleicht tatsächlich der Alt Kroppenhof einmal ihr Familieneigentum war und ob, sofern dies zutreffen sollte, allenfalls noch textliche oder bildliche Unterlagen über diesen Alt Kroppenhof existieren würden. Es würde uns sehr freuen von Ihnen zu hören. Mit freundlichen Grüssen Luzius Huber
Am gleichen Abend bekam ich bereits eine Antwort von Alexander von Vietinghoff
Sehr geehrter Herr Huber, Q19.2_070606_
ich bin gerade ein paar Stunden vor Abflug nach Zürich und bin im Neubühl vom 7. - 15. Juni, allerdings mit einigem Programm. Kroppenhof gehörte einem anderen Zweig der Familie, ich kenne die Cousine, die von dort abstammt gut, auch wenn wir uns äußerst selten sehen. Auch ich fahre (mit dem Familienverband) im August erstmalig ins Baltikum und kann dann noch andere Familienmitglieder über dies uns das befragen. Lassen Sie uns in den nächsten Tagen mal telefonieren und dann ein kleines Treffen verabreden, wenn wir schon so nahe sind. Meine Stief- und Adoptivmutter ist nach einer Reise heute Abend nach Hause ins Neubühl zurückgekehrt.
Mit freundlichen Grüßen! Alexander v. Vietinghoff
Zwei Tage später rief er mir an und wir vereinbarten eine Besprechung am 12.Mai 2007 bei seiner Mutter im Neubühl.
Sie erinnerte sich sofort an mich als Kind und Jugendlicher im Neubühl gesehen zu haben. Natürlich war Alexander von Vietinghoff nun ein bestandener Mann mit Bart, aber viele seiner Züge kamen mir doch bekannt vor. Ich erzählte ihnen von unserer Reise und dem Projekt für eine Familiengeschichte. Er versprach mir zuhause eine Adresse herauszusuchen, damit ich mehr Informationen bekommen könnte. Bereits am nächsten Tag bekam ich die erwünschte Rückmeldung von Alexander von Vietinghoff.
Lieber Herr Huber, Q19.6_070613_
wir haben uns gefreut, Sie zu treffen. Wir werden uns sicherlich wieder sehen. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass es diese Adresse ist:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Fragen Sie unbefangen, mit Gruß von mir. So viel für heute!
Alexander v.Vietinghoff
Am 26.6.2007 setzte ich mich nach dem Nachtessen hin uns verfasste eine längere Anfrage an die von Alexander von Vietinghoff vermittelte Adresse. Ich war natürlich sehr gespannt ob überhaupt eine Antwort kommen würde.
Sehr geehrter Herr von Vietinghoff. Q19.10_070626_
Bezugnehmend auf eine Aussprache mit Alexander von Vietinghoff und Frau Lilliane von Vietinghoff am 12. Juni im Neubühl in Zürich, und auf deren Aufmunterung hin, mich mit diesen Fragen an Sie zu wenden, gestatte ich mir, in diesem e-mail Ihnen einige Fragen zu stellen. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen.
Vor vier Woche kamen meine Schwester Ellinor Cerliani-Huber (Neubühl) und ich von einer Reise durch die drei baltischen Länder zurück. Uns interessierte die Geschichte dieser drei Länder, aber noch viel mehr einige Orte aufzusuchen wo unsere Grosseltern Voegeli-Günther mütterlicherseits (die Eltern von Ellinor Huber-Voegeli) und noch frühere Vorfahren gelebt haben und tätig waren.
1817 wanderte der in Rüti im Kt. Glarus 1801 geborene Balthasar Vögeli im Hungerjahr aus dem Kanton Glarus nach Livland aus und fand dort eine Tätigkeit als Käser auf einem Gutshof, Alt Kroppenhof genannt. Er heiratete am 6. Nov. 1831 Christina Ludwig von Kokenhusen. Sie hatten zusammen sechs Kinder. Nach den Angaben unserer Familienchronik soll er später diesen Gutshof verwaltet haben. Er starb angeblich am 6. Januar 1870. Wo er und seine kurz nachher verstorbene Frau begraben liegen, wissen wir nicht. (Im Baltikum nannten sie sich Voegeli)
Sein Sohn, Johann Balthasar Voegeli, geboren am 28. Juni 1838 wuchs mit insgesamt 7 Geschwistern auf dem Gut Alt Kroppenhof auf und soll nach Angaben der Familienchronik als junger Mann später das Gut Eichenhof (oder Eichhof) damals in Livland (heute Estland bei Werro, wahrscheinlich damals zu Neuhausen gehörend) verwaltet oder gepachtet haben (( wie sich später, 2011 herausstellen sollte, war das eine falsche Annahme, der Beihof Eichenhof liegt neben dem Alt Kroppenhof!)). Gegen Ende des Jahrhunderts, wir können das leider nicht mehr feststellen, führte Johann Balthasar Voegeli eine Poststelle Gulben, mit Pension, südlich von Walk. Spätestens bei Beginn des ersten Weltkrieges und bis ca. 1919 war er dann in Riga vorerst an der Nikolaistrasse und anschliessend an der Alexanderstrasse 25 wohnhaft. Gestorben ist er dann in Braunwald 1921, nachdem er 1919 mit einem Rotkreuzzug in die Schweiz zurückkehrte.
Vor der Besichtigung des Geländes von Alt Kroppenhof hatten wir eine Landkarte 1: 100'000 mit diesem Gebiet gekauft und fanden auf der Rückseite einen Text mit dem Hinweis auf den Namen Barona Fitinghofa.
Da meiner Schwester und mir, als Neubühler der Name von Vietinghoff ein Begriff war und wir uns beide gut an den freundlichen älteren Herrn, den wir in unserer Jugend oft im Neubühl trafen, wie auch an seinen Sohn Alexander erinnerten, nahmen wir uns vor, dieser Spur nachzugehen.
Tatsächlich stiessen wir so auf die richtige Familie, aber noch nicht auf den dort zuständigen Familienstamm.
Meine Fragen sind nun folgende:
Gibt es vielleicht tatsächlich noch alte Unterlagen aus der Zeit von 1817 - 1870 vom Gut Alt Kroppenhof in textlicher oder bildlicher Form? Gibt es allenfalls noch Pläne von diesem Gut? Liesse es sich allenfalls noch ermitteln, in welcher Funktion unser Ururgrossvater Balthasar Voegeli-Ludwig auf dem Gut tätig war und wo er und seine Frau Christina Voegeli-Ludwig allenfalls begraben liegen.
Die schwierigere Frage wäre noch, gibt es vielleicht tatsächlich noch alte Unterlagen aus der Zeit von ca.1860-1900 vom Gut Alt Eichenhof (oder Eichhof) im damaligen Livland, in textlicher oder bildlicher Form? Liesse es sich allenfalls noch ermitteln, in welcher Funktion und bis wann unser Urgrossvater Johann Balthasar Voegeli-Drescher, (geb 28.6.1838 auf Gut Alt Kroppenhof) auf dem Gut Eichenhof (oder Eichhof, heute in Estland) tätig war.
Im Besitze welcher Familie war jenes Gut Eichenhof (oder Eichhof) zu jener Zeit?
Wenn Sie mir zur Beantwortung dieser Fragen Hinweise oder weitere Quellen angeben könnten wäre ich Ihnen zu grossem Dank verpflichtet.
Ganz herzlichen Dank, dass ich mich an Sie wenden durfte. Mit freundlichen Grüssen Luzius Huber
Ich dachte, dass ich einige Tage Geduld haben müsste, aber bereits am nächsten Morgen war eine Antwort per e-mail eingetroffen.
Sehr geehrter Herr Huber. Q19.11_070626_
Vielen Dank für Ihre interessante Information. Leider haben wir außer dem Nachstehenden keinerlei weitere Aufzeichnungen, die Ihnen weiter helfen könnten. Kroppenhof bestand aus dem Hauptgut Kroppenhof und den Nebengütern Alt-Kroppenhof und Eichenhof. Über die Beigüter haben wir keine Unterlagen - auch keine Bilder. Vom Herrenhaus des Hauptgutes habe ich in der Anlage zwei Ansichten beigefügt. Wir wissen, dass dieses Herrenhaus nicht mehr steht.
Beilage zwei Bilder ((siehe DVD-Ordner FB.6 und FB.7)), des Gutshauses Kroppenhof.
Über Ihre Vorfahren ist mir nichts bekannt - auch in unserem Archiv befinden sich keine Aufzeichnungen. Vielleicht kann Ihnen das lettische Staatsarchiv in Riga weiter helfen, weil dort viele Unterlagen über die Güter in so genannten "Güterladen" gesammelt wurden.
1920 wurden alle Güter, die im Besitz der Baltendeutschen waren, vom lettischen Staat enteignet und 1939 wurden sie, nachdem sie fast 750 Jahre das Land bewohnt hatten, nach Deutschland umgesiedelt.
Mit herzlichen Grüßen, Udo v.Vietinghoff gen. Scheel
Beiliegend fand ich einige Seiten mit den folgenden Informationen:
Kroppenhof, lettisch: Krapes, Rittergut, Livland, Kreis Riga, Kirchspiel Kokenhusen
Kroppenhof lag 62 km südöstlich von Riga am Lobe-Fluß. Es umfasste nach der Bauernbefreiung (Aufhebung der Leibeigenschaft) im 19. Jahrhundert 2.346 ha. Es hatte 2 Beigüter (Alt-Kroppenhof und Eichenhof) sowie 2 Krüge.
König Gustav Adolf von Schweden schenkte dieses Gut im Jahre 1630 dem Hofkanzler Johann Salvius der es im Jahre 1634 dem Riga'schen Ratsherrn und Landrichter Ludwig Hintelmann gegen ein Gut in Finnland vertauschte.
Dieser cedierte es im Jahre 1641 dem Hofrat Joachim Transehe v. Roseneck, den die Königin Christine am Jahre 1653 als Besitzer von Kroppenhof anerkannte. Die Brüder Joachim Heinrich und Gustav Adolph v. Roseneck verpfändeten das Gut im Jahre 1679 dem Dettmer Steffens und Philipp Lauenstein für 4.000 Thaler Spec.
Wahrscheinlich fiel Kroppenhof durch die Reduktion dem russ. Staate zu und verblieb in dessen Besitz bis es die Kaiserin Elisabeth am 11. August 1760 samt Jungfernhof dem General und nachherigen Feldmarschall Sachar Grigoritsch Graf Tschernitschew schenkte.
(Nachträglich eingefügte Bemerkung von Luzius R. Huber zum Vorgang der Reduktion: Wahrscheinlich fiel Kroppenhof ca. 1680 in Livland als ein Teil des von den Schweden eroberten Gebietes durch die Reduktion dem Schwedischen Staate zu)
Erklärung "Reduktion": Mit dem Namen des Königs Karl XI (1661-1697) verbindet sich die beachtliche Verstärkung der Macht des Königs in Schweden sowie in den Ostseeprovinzen. 1680 wurde vom schwedischen Reichstag die "grosse Reduktion" erlassen, nach der die von den früheren schwedischen Herrschern in Privatbesitz gegebenen Staatsländereien wieder verstaatlicht wurden. In Livland gingen 5/6, in Estland mehr als die Hälfte der Gutshöfe auf den Staat über. Der wirtschaftliche Sinn der Reduktion war die Auffüllung der leer gewordenen Staatkassen. Die früheren Gutsbesitzer wurden zu Pächtern gemacht, die einen Teil des aus den Gutshöfen gewonnenen Einkommens als Pacht dem Staat abgeben mussten. Die bisherigen Rechte des Adels wurden beschnitten was beim Adel ernsthaften Widerstand bewirkte.
Erst nach dem nordischen Krieg 1710 geriet Livland unter die Russische Oberhoheit. Die bisherigen Gouvernementsgebiete blieben erhalten und direkt dem Russischen Zaren unterstellt. Die Amtssprache war weiterhin deutsch; auch die Steuerordnung sowie das eigene Rechtssystem blieben bestehen. Im geistlichen Leben behielt die lutherische Kirche ihre dominierende Rolle. Der baltendeutsche Adel schaffte es, seine Autonomie zu bewahren.)
Dieser scheint aber die beiden Güter dem Hofbankier Baron Fredrics überlassen zu haben, denn jener verkaufte dieselben am 5. August 1774 für 110.000 Silber-Rubel dem Geheimrat Otto Hermann v. Vietinghoff gen. Scheel (1722-1792), der sie dann seinem Sohne, dem Geheimrat Burchard v. Vietinghoff gen. Scheel (1767-1829) vererbte. Nach seinem Tode transigierten am 18. Dezember 1834 seine Witwe und Söhne derart, dass der Kammerherr Paul v. Vietinghoff gen. Scheel (1793-1841) für 314.460 Silber-Rubel die Güter Kroppenhof, Jungfernhof und Lubahn erhielt.
Die Erben Pauls und zwar dessen Witwe Sophie geb. v. Liphart und ihre gemeinsamen Kinder, der dim. Major Richard Heinrich Hermann, der Collegien-Assessor und Kammerjunker Burchard Otto Friedrich, der dim. Cornet Paul Alexander, der dim. Ordnungsrichter-Adjunkt Hermann Ernst, Alexander Otto und Nicolaus Georg, Gebrüder v. Vietinghoff, transigierten am 5. Dezember 1852 dergestalt, dass der nachmalige Kirchspielrichter Nicolaus Paul Georg Baron v. Vietinghoff genannt Scheel (1832-1899) Kroppenhof für 67.295 Silber-Rubel übernahm.
Dessen ältester Sohn, der Kreisdeputierte Konrad Richard Paul Baron v. Vietinghoff gen. Scheel (1874-1933) war der letzte Besitzer von Kroppenhof vor der Güterenteignung. 1905 war das Gutshaus zerstört worden. Heute ist von dem einst so ansehnlichen Herrenhaus keine Spur mehr übrig geblieben.
Konrad-Udo Baron von Vietinghoff gen. Scheel
Ich war unendlich dankbar über die interessanten Nachrichten und hatte natürlich einige zusätzliche Fragen bereit, die ich sofort wieder, mit Kopie an Alexander von Vietinghoff, zurücksandte.
Sehr geehrter Herr Vietinghoff gen. Scheel. Q19.12_070627_
Sie werden es kaum glauben, welche Freude Sie mir mit Ihren Informationen gemacht haben. Dass es nach so langen Jahren noch möglich ist, so gute und genaue geschichtliche Daten zu erhalten ist für mich wunderbar. Das kann nur in sehr traditionsbewussten Familien möglich sein und das kann man ja sicher bei Ihrer Familie sagen.
Mich wundert es natürlich nicht, dass über meine Familienangehörigen kaum mehr etwas aufzufinden ist. Die damaligen Zeiten waren ja für alle so schrecklich und turbulent, dass die Prioritäten ganz anders liegen mussten. Es ging für alle nur noch ums nackte Überleben. Auch die daran anschliessende Periode mit den Bolschewiken, den Sowjets, den Nazis und wieder den Sowjets liess kaum einen Stein auf dem anderen. Wie sollen da noch papierne Dokument überlebt haben. Eine oder zwei Generationen lang blieben erzählte Geschichten erhalten und wenn diese nicht nur Aufgeschrieben sondern auch noch weitergegeben werden konnten, so grenzt das fast an ein Wunder.
Darf ich mir gestatten Ihnen doch noch einige wenige präzisierende Fragen zu stellen?
Wenn ich richtig verstanden habe, bestand das Gut aus dem eigentlichen Hauptgut Kroppenhof (2.346 ha) mit dem Herrenhaus, von dem Sie mir freundlicherweise zwei Bilder geschickt haben, und den Beigütern Alt Kroppenhof und Eichenhof. Darf ich annehmen, dass das Beigut Alt Kroppenhof anschliessend an den Perimeter des Hauptgutes lag, oder hatte es einen eigenen, losgelösten Gutsperimeter, quasi eine eigene Verantwortlichkeit und ausserhalb des Hauptgutes.
Sie erwähnen das Nebengut Eichenhof. Lag dieses Nebengut neben dem Perimeter des Hauptgutes Kroppenhof oder Alt Kroppenhof oder ist es das Gut Eichhof (oder Eichenhof), das heute im Landesperimeter von Estland liegt, östlich vom früheren Ort Werro, wie ich es auf der Landkarte von 1908 (Russische Ostseeprovinzen) gefunden habe und heute in estnischer Sprache Lasva heisst? (( 2011 fand ich heraus, dass es neben dem Gut Alt Kroppenhof liegt, siehe DVD-Ordner Beilagen Anhänge, L_143_Anh.25_Balt.hist.Ortslex.))
In Ihrer Zusammenstellung kommt einige Mal der Begriff "transigieren" vor. Ich habe in meinen Wörterbüchern keine Erklärung für diesen Begriff finden können, was bedeutet er genau. Er hat offenbar im Ablauf und in der Art der Besitzesfolge eine grosse Bedeutung.
Der letzte Besitzer von Kroppenhof war der Kreisdeputierte Konrad Richard Paul Baron v. Vietinghoff gen. Scheel. Darf ich annehmen, dass Sie diesen Familienzweig vertreten und damit am ehesten über die entsprechenden Dokumente verfügen? oder wäre es denkbar dass, sofern das ein anderer Familienzweig wäre, dort vielleicht noch Unterlagen vorhanden wären? (Ich hoffe Sie entschuldigen meine Beharrlichkeit)
Eine letzte Frage noch: Kennen Sie allenfalls die korrekte Anschrift resp. Adresse des lettischen Staatsarchivs in Riga. Ich vermute, dass wenn ich versuchen würde dieses in deutscher Sprache anzuschreiben, dass ein Brief nicht erfolgreich zugestellt werden könnte.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein Angebot machen:
Im Zusammenhang mit meinen Forschungen über das Baltikum, bin ich in der Zentralbibliothek Zürich auf interessantes Kartenmaterial gestossen, das ich in digitaler Form erworben habe. Ich habe mir mit dem Erwerb die ausdrückliche Erlaubnis geben lassen, die Pläne Kopieren (auch für dritte) oder Publizieren zu dürfen. Man ist lediglich angehalten, die Quelle des Kartenmaterials zu zitieren.
Ich möchte Ihnen gerne dieses Kartenmaterial auf zwei CD-Rom zukommen lassen, sofern Sie daran interessiert sind (selbstverständlich gratis). Es sind dies:
1. Generalkarte der Russischen Ostseeprovinzen von 1908. Darauf sind alle Güter, Orte, Städte und Landkreise mit deutschen Namen eingetragen. Die Karte ist etwa 1m2 gross und lässt sich etwa 6-fach aufzoomen, praktisch unter Einbehaltung der Schärfe des Kartenbildes. Die Bibl. Nr. ist: 4_Cb_O7:1
2. Zwei Kartenausschnitte in grösserem Masstab aus einer Karte mit ca. 8 Blättern und zwar Ausschnitt
a: Riga bis neu Kroppenhof (am unteren Rand). Bibl. Nr. 4_DI_75_1 2.
b: Mitau bis alt Kroppenhof (am oberen Rand). Bibl. Nr. 4_DI_ 75_1 5.
3. Stadtplan von Riga von 1885 mit dem Eintrag aller Strassennamen in deutscher Sprache, sowie mit einer zusätzlichen Legende über noch frühere deutsche Strassennamen. Gut aufzoombar. Bibl. Nr. 5_DI_06_1.
4. Stadtplan von Mitau von ca. 1917 ca. A3, gut weiter aufzoombar.
Es hat mich ausserordentlich gefreut, dass Sie mir so rasch und ausführlich geantwortet haben und ganz herzlichen Dank für die interessanten Unterlagen. Vielleicht höre ich noch von Ihnen, ob ich Ihnen diese zwei CD-Rom senden darf, es würde mich sehr freuen.
Mit herzlichen Grüssen Luzius Huber
Lieber Herr Huber, Q19.13_070627_
lassen Sie mir Zeit bis zum Wochenende, dann antworte ich Ihnen ausführlich. An Ihrem Angebot bin ich im höchsten Maße interessiert und falls Sie Ausgaben haben übernehme ich diese natürlich gerne.
Mit herzlichen Grüßen, Udo v. Vietinghoff-Scheel
Lieber Herr Huber Q19.16_070628_
ja, so ist er, mein "Vetter" Udo. Ich werde jetzt abwarten, was er zu Ihren weiteren Fragen zu sagen hat und danach erst die Kusine, die Enkelin des letzten Kroppenhofbesitzers Conrad v. V. anrufen, da er normalerweise der dokumentiertere ist und sie im Sommer mit der Landwirtschaft bis über beide Ohren beschäftigt. Wenn Sie mich also auf dem Laufenden halten, kann ich dann den Kontakt herstellen: telefonieren ist vermutlich die bessere Variante als Schreiben, denn das könnte für meine Kusine der größere Anhang sein (sie ist im Übrigen aber sehr gesprächig und herzlich).
Ich freue mich, dass Sie in Ihren Nachforschungen weiterkommen und wünsche weiterhin alles Gute!
Alexander v.Vietinghoff
P.S. Darf ich Sie noch vorsichtig darauf hinweisen, dass auch bei der Anrede im Brief, der Name vollständig sein sollte. "Herr" ist schon ok, aber das "von" gehört eben zum Namen, wogegen das "Scheel" nicht unbedingt nötig ist (jedenfalls weniger wichtig als das "von"). Also empfehle ich "Sehr geehrter Herr von Vietinghoff". Ist der Adel unter sich und sehr, sehr vertraut, dann kann manchmal die Formulierung "Mein lieber Vietinghoff" zustande kommen (kommt allerdings auch aus der Mode), aber das ist dann wieder eine andere Geschichte
Offenbar leistete ich mir aus Unachtbarkeit in meinem e-mail bei der Anrede einen Fehler, den ich natürlich sehr bedauerte, aber so geht es eben, wenn man nicht gewohnt ist auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen zu kommunizieren und dafür ist die Kommunikation per Computer sicher besonders anfällig.
Antworten von Baron Udo von Vietinghoff gen Scheel auf meine Fragen im Brief vom 27.06.2007
Antworten zu Q19.12_070627_
1. Nebengüter entstanden häufig durch Erbteilungen - aber auch durch Zuerwerb bzw. Erbschaften. Sie waren eigenständige (überlebensfähige) Wirtschaftseinheiten. Es gab immer einen räumlichen Zusammenhang, so dass man auch häufig den Begriff "Güterkomplex" verwandte, der aus einem Hauptgut und den genannten Nebengütern bestand.
2. Eichhof und Eichenhof waren verschiedene Güter. Eichhof liegt im Kirchspiel Neuhausen im Werro'schen Kreis und gehörte zu diesem Güterkomplex des Schlosses Neuhausen. Das Haupt- und die Nebengüter waren bis zur Enteignung im Besitz der Familie v. Liphardt. Eichhof hatte rund 8 Haken Bauernland und rund 3 Haken Hofland. Damit war es ein mittelgroßes Rittergut.
3. Transigieren kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: verhandeln, Vergleichsverhandlung pflegen, (transigendo) auf dem Wege gütlichen Vergleichs; (transigibel), worüber verhandelt (transigiert) werden kann. Im vorliegenden war es wohl eine höfliche Umschreibung, dass das Gut runtergewirtschaftet (ruiniert) war und durch einen ehrenhaften Vergleich dieser rufschädigende Ruin vermieden wurde. Es fand schlicht ein nach außen vorgestellter "sauberer" Besitzwechsel statt (damit wurde ein ehrenrühriger Gesichtsverlust vermieden).)
4. Der letzte Besitzer von Kroppenhof gehört nicht zu der Linie, der ich zugerechnet werde. Sein Enkel lebt noch. Da alle Vietinghoffs ihre Bestände, soweit sie überhaupt vorhanden waren, dem Vietinghoff'schen Archiv übergeben haben, kann ich heute sagen, dass es über Kroppenhof und seine Beigüter keinerlei Aufzeichnungen mehr gibt. Nächsten Monat treffe ich den Enkel von Konrad Richard Paul und werde ihn noch einmal befragen. Leider hat er keinen Internetanschluss und seine Anschrift kann ich ohne seine Einwilligung nicht weitergeben.
5. Hier die Anschrift für das Staatsarchiv: Latvijas Valsts Arhivi Skunu iela 11, Riga, LV-1050, http://www.arhivi.lv>www.arhivi.lv
Bei Anfragen lassen die sich unglaublich viel Zeit und manchmal möchten sie auch Geld. Es kann auch passieren, dass sie je nach Stimmungslage überhaupt nicht antworten. Das liegt daran, dass noch "altes" Personal (Vorwendezeit) im Archiv tätig ist. Man kann aber auch Glück haben.
6. Über die Karten würde ich mich sehr freuen. Ich habe zwar die Originalkarte von Rückert. Sie ist ziemlich groß und sehr unhandlich und außerdem wage ich sie kaum aufzufalten, weil sie mit der Zeit einfach zu brüchig wird und daher fast gebrauchsunfähig. Selbstverständlich würde ich eventuelle Kosten übernehmen.
Hier eine für Sie noch gute Adresse - es ist die Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft mit einem umfassenden Archiv in Darmstadt.
Hier die Adresse: http://www.deutschbalten.de> Herdweg 79, 64285 Darmstadt
Mit freundlichen Grüßen, Udo v.Vietinghoff-Scheel
Da ich mir auf der Reise ins Baltikum, mit etwas "ellbögeln" mehrere Exemplare der Geschichte des Baltikums geschnappt hatte, freute es mich eines davon Alexander von Vietinghoff schenken zu dürfen. Es war für mich ausserordentlich eindrücklich, wie sich die beiden Familienmitglieder für die Beschaffung von Unterlagen für unsere Familiengeschichte eingesetzt hatten.
Lieber Herr Huber, Q19.21_070705_
bleibt noch, dass Sie mir sagen wie viele Franken Sie von mir bekommen und wohin.
Gruß + Dank ! Alexander v.Vietinghoff
Lieber Herr von Vietinghoff. reQ19.21_070705_
Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen das Buch schenken, so als Entschädigung für die interessanten Informationsquellen, die Sie mir geöffnet haben. Insbesondere auch die Adresse Ihres freundlichen und immer in Windeseile antwortenden Onkels. Es würde mich natürlich ausserordentlich freuen, wenn vielleicht doch noch weitere Informationen von der Erbenfamilie erhältlich wären. Ich werde mir gestatten, noch bevor Sie abreisen, meine Fragen nochmals sorgfältig zu Formulieren, nicht in der Meinung, dass diese dann wirklich beantwortet werden könnten, sondern nur dass zum mindestens die Fragen richtig gestellt wären.
Ich kann nicht genügend betonen, dass ich mir der Bedeutungslosigkeit und Belanglosigkeit meiner Fragen voll bewusst bin, doch das Historikerinteresse ist angekickt, der Jagdhund riecht eine mögliche Fährte. Selbst in meiner eigenen Familie hält sich das Interesse an meinen Studien in Grenzen, wahrscheinlich zum mindesten bis etwas Konkretes vorliegt.
Apropos meiner eidgenössisch-republikanischer Gesinnung. Die ist bei mir familiär schon tief verwurzelt, das stimmt. Wir Schweizer sind wohl nicht unfreundlich, aber tatsächlich unhöflich - im wahrsten Sinne - denn wir (d.h. unsere Ururur...Grossväter) haben uns glücklicherweise seit wenigen Jahrhunderten aller nicht selbst gewählten Herrscher und Königshöfen entledigen können. Das heisst aber überhaupt nicht, dass man sich nicht anständig und freundschaftlich gegenseitig gelten lassen kann. Ich gönne und würdige jedermann seinen über die Jahrhunderte erworbenen Rang und Namen, sofern er damit nicht über mich einen Herrschaftsanspruch ableitet oder eine Sonderbehandlung erwartet.
Diese alten, zum mindesten in den Namen erhalten gebliebenen Familienstrukturen und Traditionen sind für mich ein sehr wichtiger und geschätzter Teil der hergebrachten immer weiter lebenden Geschichte in der wir alle eine bestimmte Zeitspanne lang eine grössere oder kleinere, wichtigere oder unwichtigere Rolle zu spielen haben. Das Einsiedler Welttheater stellt das wundervoll im Stück des "Jedermann" dar.
Mir ist von unserer Baltikumreise noch stark in Erinnerung, wie stark sich die drei kleinen Völker an der Ostsee voneinander in ihrer Lebenshaltung und im Charakter unterscheiden und doch eigentlich derselben Zielsetzung zu folgen versuchen. Festigen kann sich das ganze aber nur, wenn es gelingt in der Region über einige Jahrzehnte den Frieden zu erhalten. Dafür könnte die EU einen gewissen Rahmen geben. Wir hatten nur den Eindruck, dass diese Völker den USA als Schutzschild mehr trauen als der immer wieder zaudernden EU.
Mit freundlichen Grüssen Luzius Huber und lassen Sie von mir auch Ihren Onkel grüssen.
Auf meine letzten Fragen vor der Familienreise der von Vietinghoffs ins Baltikum machte mir Udo v. Vietinghoff gen Scheel keine Hoffnungen auf mehr auf weitere Informationen.
Sehr geehrter Herr Huber, Q19.26_070725_
leider werde ich Ihnen nicht viel weiter helfen. Mit Arnt Baron v. Vietinghoff gen. Scheel, die einzige Person, die mit Kroppenhof noch in Verbindung gebracht werden kann, werde ich in das Baltikum fahren. Ich kann ihn ja noch mal befragen. Aber sein Vater ist nicht mehr auf Kroppenhof geboren und als junger Mann nach Deutschland umgesiedelt. Der Großvater war letzter Herr auf Kroppenhof und Marienburg und der starb 1933 in Schwerin. Mein Vetter Arnt ist 1935 in Dresden geboren. Da neben mir nur noch ein (über 90 Jahre alter Vetter) an der Gütergeschichte der Familie gearbeitet hat und ich schon bei meiner Sammlung nach Informationen alle lebenden Vietinghoffs zur Zusammenarbeit/Mitarbeit aufgefordert hatte, ist von dieser Seite so gut wie nichts zu erwarten.
Aus meiner Kenntnis haben die so genannten "Beigüter" keine Gutseigenschaften gehabt. In Deutschland nannte man diese Einrichtungen auch häufig Vorgut oder Vorwerk. Diese gehörten zwar zum Hauptgut, waren aber wirtschaftlich gesehen eigene Einheiten. Diese entstanden entweder durch Abtrennung bzw. Teilungen (aus Erbfolgegründen) oder aus Zukäufen. Manchmal wurde ein neues Gutshaus gebaut und dann als "Neu-XYZ" und das stehen gelassene als "Alt-XYZ" geführt, ohne dass sich am Besitz etwas geändert hätte. Das trug aber häufig zur Verwirrung bei, denn es wurde selbst bei urkundlichen Eintragungen häufig durcheinander benannt.
Von einer Cousine bei Berlin, die auf einem Gut arbeitet, weiß ich nichts. Muss mal Vetter Alexander befragen, wen er damit meint.
Mit herzlichen Grüßen Udo v.Vietinghoff-Scheel
Damit war der ausführliche und dichte Briefwechsel abgeschlossen. Ich musste mich auf die Suche von anderen und neuen Quellen machen.
Landesarchiv des Kantons Glarus.
Meine Anfrage an die Gemeinde Rüti zur Einsicht in Unterlagen zu unserer Familiengeschichte wurde direkt an das Landesarchiv Glarus weitergeleitet. Die Mitarbeiterin im Landesarchiv, die für die Bereiche Wappen und Genealogie zuständig ist, Frau Erika Kamm, meldete sich mit einem e-mail und empfahl mir bei Herrn Hans Baebler (neu Frau Ruth Bärtsch) des Zivilstands- und Bürgerrechtsdienstes, für den Zugang zum Genealogienwerk per e-mail eine Bewilligung einzuholen, was ich umgehend veranlasste.
Ausgerüstet mit der per e-mail ausgestellten Bewilligung meldete ich mich am Schalter des Landesarchives. Wie es sich gehört, hatte ich zuerst mein Köfferchen bei der Garderobe in einem Schliessfach unterzubringen.
Genealogienwerk des Kt. Glarus.
Familienbuchblätter aus dem Genealogienwerk Johann Jakob Kubli-Müller (LAGL GE 1) (DVD: Beilagen: L_143_Landesarchiv Glarus, Ordner L_143_Q26.unbearb.Cadster und Familienbuchblätter)
Freundlicherweise hatte Frau Kamm auf meine Anmeldung hin bereits das schwere etwa 40x60 cm grosse Genealogienwerk auf dem Tisch des Lesesaales bereitgelegt. Darin sind praktisch alle Familiendaten seit der Reformation erfasst. Es sind alle Eheschliessungen, Scheidungen, Geburten und Todesfälle nachgeführt. Die Aufzeichnungen über unsere Familie begann mit Vögeli Fridli aus der Rüti der ältere, geb. ca. 1570. In meiner Familienchronik mit (V1) bezeichnet. Die rote Benennung in Klammern bezieht sich auf die in unserer Familiengeschichte aufgeführte Generationenfolge seit Vögeli Fridli. D.h. (V8.4)Balthasar Vögeli geb. 1.3.1801, der 1817 ins Baltikum auswanderte ist der viertgeborene Nachkomme der 8. Generation seit (V1)Vögeli Fridli.
In diesem ehrwürdigen Buch, in dem mit peinlich exakter Schrift alles im Detail festgehalten wurde versuchte ich mich nun zurechtzufinden. Es wurde mir gestattet beliebige Ausschnitte zu fotografieren. So machte ich mich nun daran in zwei Stunden alle jene Abschnitte zu erfassen, die unsere Familiengeschichte betreffen könnte. Bei jeder Familie sind in einer linken Spalte die Eltern erfasst und in einer rechten Spalte die aus der Ehe entsprossenen Nachkommen. Bei diesen ist hinter dem Taufname in einer Klammer der Vermerk angebracht wo die Fortsetzung zu suchen ist. Zum Beispiel stand beim ersten Sohn von (V1)Vögeli Fridli, hinter dem Namen des Sohnes Fridli der Vermerk (Vide Vögeli Nr.9), beim zweiten Sohn Georgius (Vide Vögeli Nr. 10). In unserer Familiengeschichte (V2.2)Vögeli Jörg (Abkürzung von Georgius) genannt.
Für unsere Forschung musste die massgebende Stammhalterfolge von der Neuzeit rückwärts verfolgt werden. So konnte mit dem Vermerk von (Vide Vögeli Nr. 128) von (V7.2)Schützenmeister Gabriel Vögeli von Rüti, geb. 30.8.1766, begonnen und der Stammbaum über die Linie der erstgeborenen männlichen Nachkommen zurück bis (V1)Vögeli Fridli zurückverfolgt werden.
Alle Familiendaten sind in der vorliegenden Familiengeschichte aufgeführt und als digitalisierte Ausschnitte in der DVD unter L_143_Beilagen im Ordner Landesarchiv einsehbar. Die Dokumente sind unter dem Dokumentenname: "DVD: Beilagen: L_143_Landesarchiv Glarus, Ordner L_143_Q26.unbearb.Cadster und Familienbuchblätter" geordnet nach Familiennamen und Familiennummer einsehbar.
Cadasterbücher von 1780, erste steuerliche Erfassung des Haus- und Grundeigentums im Kanton Glarus.
(Ordner Beilagen, L_143_Landesarchiv Glarus, Ordner L_143_Q27 bearb. Cadasterbücher1780)
Mein Brief an die Gemeinde Rüti, mit der Bitte mir behilflich zu sein, herauszufinden, in welchem Haus oder in welchem Gemeindeteil unser ins Baltikum ausgewanderte Stammvater (V8.4)Balthasar Vögeli geb. 1.3.1801, gest. 6.1.1870 auf Alt Kroppenhof Livland. (Vide Vögeli Nr. 184), vor seiner Auswanderung in Rüti aufgewachsen und gewohnt haben könnte, konnte nicht beantwortet werden.
Eine telefonische Anfrage ergab, dass die Gemeinde überhaupt keine Unterlagen mehr habe, ich solle mich doch beim Landesarchiv in Glarus erkundigen. So wendete ich mich erneut an Frau Erika Kamm und bat sie, mir entsprechende Unterlagen vorzubereiten. Anlässlich eines zweiten Besuches lagen auf dem Tisch des Lesesaales zwei altehrwürdige Folianten bereit. Es handelte sich um die erstmalige steuerliche Erfassung des Grund- und Hauseigentums im Kanton Glarus, die Cadasterbücher von 1780. Sie sind in Leinen gebunden und zeigen deutliche Spuren von Wasserschäden. Sie sollen anlässlich des Stadtbrandes von Glarus beschädigt worden sein. Inzwischen waren aber mit grosser Liebe und Sorgfalt der mit Leimpapier bespannte und handkolorierte Einband und die einliegenden Folio-Blätter repariert worden.Auf dem Deckel war folgende Anschrift angebracht:
Nr. 21, Cadaster der Gemeinde Reütj mit Braunwald, Distrikt Schwanden, von 1780
Er umfasste das Gemeindegebiet von Rüti zusammen mit den zugehörigen Alpen von Braunwald.Darin suchte ich nun im Gebiet Reütj nach Grundbesitzern mit dem Namen Vögeli. Der einzige Eintrag der für mich auf Grund des damaligen Wissensstandes in Frage kam, nannte auf Folio 2 in der ersten Spalte den Namen und Vornamen des Eigentümers: (V6.6)Jörg Vögeli, Freischütz. In der folgenden Spalte drei Liegenschaftennummern und dahinter die entsprechenden Nutzung.Leider existieren gemäss Auskunft von Frau Kamm keine zugehörigen "Cadasterpläne".
Bei diesem Grundeigentümer kann es sich fast nur um (V6.6)Freibergschütz? Georg (Jörg) Vögeli, von Rüti, in Linthal, geb. 9.9.1739, gest. 24.10.1806, (Vide Vögeli Nr. 100), handeln. Er lebte wahrscheinlich um 1780 in Rüti. Im Genealogienwerk ist allerdings ein schwer interpretierbarer Eintrag vorhanden (von Rüti in Linthal).
Die erste Frau Anna Zweifel ist gebürtig von Linthal und auch ihre Eltern waren in Linthal ansässig.
Die zweite Frau Magdalena Vögeli von Rüti, die er am 31.10.1777 ehelichte war die Tochter des Georg Vögeli und der Magdalena Schindler (Vide Vögeli 74). Zudem ist im Genealogienwerk unter dem Eintrag der Familie "Vögeli 100" vermerkt: Am 4.09.1776 kam Vögeli an sein Gut, was heissen könnte, dass er mit diesem Datum die Liegenschaft seines Vaters (Familie Vide Vögeli 67)(V5.4)Wachtmeister Gabriel Vögeli, der am 14.07.1786 gestorben war, in Rüti geerbt hat.
Weil (V7.2)Schützenmeister? Gabriel Vögeli von Rüti, geb. 30.8.1766, gest. 28.3.1815, (Vide Vögeli Nr. 128) verheiratet am 3.11.1793 mit Dorothea Heitz, von Rüti, geb. 8.2.1775, gest. 2.8.1827. Tochter des Leutnant Balthasar Heitz und Anna Schuler (Vide Heiz Nr. 36) im Cadaster von 1780 nicht als Eigentümer eingetragen ist, liesse sich allenfalls ableiten, dass er bis zum Tod seiner Mutter 1827 auch im elterlichen Haus gewohnt haben könnte. Was bedeuten könnte, dass (V8.4)Balthasar Vögeli geb. 1.3.1801 bis zu seiner Auswanderung 1817 auch im Haus des 1806 verstorbenen Grossvaters (V6.6)Freibergschütz? Georg (Jörg) Vögeli, und des 1815 verstorbenen Vaters (V7.2)Schützenmeister? Gabriel Vögeli aufgewachsen sein könnte.
Aus diesem Grund sichtete ich auch noch das Cadasterbuch der Gemeinde Linthal Nr. 22, Cadaster der Gemeinde Linthal, District Schwanden, von 1780. Dort fand ich aber keinen Eintrag, der auf einen unserer Vorfahren hingewiesen hätte.
Grundbuchamt des Kantons Glarus.
Liegenschaft des ehemaligen Kaffeestübli und der Alpstall
067.1.Sackhüsli mit dem Kaffeestübli der Geschwister (V10.3)Ella, V10.4)Maria und (V10.5)Auguste von 1919 bis 1924
069.1.Alphuette, erste Unterkunft der Flüchtlinge aus ChinaErste Unterkunft der Geschwister Voegeli (V10.3)Ella Beck-Voegeli, (V10.4)Marie von Nolken-Voegeli, (V10.5)Auguste Voegeli und ihrem Vater (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher nach der Flucht von Riga 1919 in einem Wohnhäuschen, der Liegenschaft Sack und Unterkunft der Familie (V10.7)Voegeli-Günther in einem Alpstall nach ihrer Rückkehr von China im Februar 1923.
Auf den gleichen Tag wie für das Landesarchiv Glarus meldete ich mich für den Nachmittag auf dem Grundbuchamt an, um mehr über Grundbuchangaben in den Gemeinden Rüti und Braunwald zu erfahren. Der Grundbuchverwalter Stellvertreter empfing mich sehr freundlich und widmete mir eine halbe Stunde. Er zeigte Interesse an meinen Fragen und erstellte mir Kopien von den interessierenden Grundbuchplanausschnitten von Braunwald. Von den Angaben im Grundbuch durfte er mir korrekterweise nur einen Teil zeigen, da seit 1.6.1957 Herr Alexander Stuber (Hotelier des Tödiblick) der Besitzer der Liegenschaft Sunnahüüsli ist.
Die Liegenschaft Sack war von 21.6.1912 bis 1.5.1919 im Besitze von Mathias Streiff.
Fritz Schuler erwarb sie dann am 1.5.1919.
(Beilagen Ordner L_143_Quellen Originale, Q24KS und Q25KS)
Im Grundbuch findet sich unter Rüti Nr. 295 folgende Beschreibung (Q25KS_S3.):
I. Ein Berg, Sack genannt, mit folgenden Bauten: Ein Wohnhäuschen, (alt) Nr. 260, später mit Nr. 355 bezeichnet, zwei Ställe alt Nr. 213 A neu Nr. 356 und alt 213 B und neu Nr. 357 und
II. Ein Bezirkli Wald. (Entzifferung der Schrift mit Sütterlin-Schlüssel)
Die drei Mitte Juni 1919 mit einem Rotkreuz Zugstransport aus Riga geflüchtetenGeschwister Voegeli, (V10.3)Ella Beck-Voegeli, (V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli und (V10.5)Auguste Voegeli, mit ihrem Vater (V9.4)Johann Balthasar Voegeli-Drescher wurden nach dem Eintreffen in ihrer Heimatgemeinde Rüti von der Gemeindefürsorge in Braunwald in den wenigen Räumen des Wohnhäuschens untergebracht. Es war das ehemalige erste Schulhäuschen und wurde danach vorübergehend als Lehrerwohnung benützt. Darin betrieben ab Mitte Juni 1919 die tüchtigen drei Frauen nach ihrem Einzug das bald weitherum bei Touristen und Bewohnern berühmte "Kaffeestübli" mit den baltischen Spezialitäten. Diese Tradition führten sie später erfolgreich in der von ihnen 1925 erbauten Pension Sunnahüüsli weiter, die wenig oberhalb des Tödiblick zu stehen kam.
Beim späteren Bau des Hotels Tödiblick wurde das alte Wohnhäuschen und ehemalige Kaffeestübli abgebrochen.
Die im Februar 1923 aus China per Schiff via Marseille zurückgekehrte Familie von (V10.7)Johann Carl RichardVoegeli-Günther mit (Gü4.8)Olga Voegeli-Günther und den fünf Kindern wurde von der Gemeindefürsorge Rüti in den 2-3 Räumen eines Alpstalles untergebracht. Dieser stand gleich oberhalb dem damaligen Kaffeestübli unterhalb der Strasse an dem später das Sunnahüüsli gebaut wurde. Im Sommer 1923 konnte die Familie in Schlieren in ein eigenes Einfamilienhaus an der Stationsstrasse 29 ziehen. An der Stelle des alten Alpstalles steht heute ein Ferienhaus.
Liegenschaft Sunnahüüsli.
In den Unterlagen betreffend Sunnahüüsli Braunwald sind folgende Inhalte aufzufinden. (Beilagen Ordner L_143_Quellen Originale, Q24K_S. 1-10)
- Grundbuchauszug der Liegenschaft Sunnahüüsli mit Name und Wohnort des Liegenschaftenbesitzers sowie
Veränderung des Besitzes. Q24KS_S.1-2
(Pfandschuld und Bemerkungen mussten vom Grundbuchverwalter abgedeckt werden)
- Ortschaften in der Wahlgemeinde, Liegenschaften Nr., Benennung der Gegend, Benennung und Beschreibung der
Liegenschaft. (Q24K_S.3-4)
- Kaufvertrag der Liegenschaft Sack, Grundstücknummer (damals) 295. (Q24K_S.5)
- Erbbescheinigung nach dem Tod von Frau Witwe (V10.4)Maria von Nolcken- Vögeli zu Gunsten (V10.3)Anna
Elisabeth Hefti-Voegeli und (V10.8)Eugen Reinhold Konstantin Vögeli-Günther, Ausschlagung der Erbschaft der
übrigen Erben gemäss S. 8-9 vom 18.05.1941. (Q24K_S.6-7)
- Erbbescheinigung nach dem Tod von Frau Witwe (V10.4)Maria von Nolcken- Vögeli vom 18.05.1941 Q24K_S.8-9
- Grundbuchplan Oberer Sack, Stand 2007. (Q24K_S.10)
Erwerb des Grundstückes für den Bau der Sunnahüüsli, siehe auch 4.8.2)
Daraus konnte abgeleitet werden, wo und wann die drei Geschwister in Braunwald wohnten, wie die Besitzesverhältnisse waren und wann das Sunnahüüsli entstanden ist.
Wie im Grundbuch am 7. November 1924 eingetragen, erwarben die drei Schwestern, (V10.3)Ella Beck-Voegeli, (V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli und (V10.5)Auguste Voegeli, gemäss Kaufvertrag vom 5. November 1924, von Fritz Schuler vom Grundstück im Sack Nr. 295, 550 m2 zum Preise von Fr. 1'390.-. Darauf bauten sie 1925 die Pension Sunnahüüsli. Das Grundstück erhält die Nr. 453 und 160. Die Liegenschaft wird im Grundbuch wie folgt umschrieben:
Rüti: Nr. 453, Braunwald (Sack). A. Ein Wohnhaus, zum "Kaffeestübli", Nr. 584,
Nr. 160, Plan 6, 7a 23m2 B. Der Platz dabei mit Ökonomiegebäude Nr. 585
Nach der Heirat der verwitweten (V10.3)Ella Beck-Voegeli mit dem Pfarrer Johann Jakob Hefti am 25.04.1927, trat laut Grundbuch-Beleg Nr. 176 am 20.02.1930, (V10.3)Ella Hefti-Voegeli, ihren Anteil an die zwei zurückbleibenden Geschwister, (V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli und (V10.5)Auguste Voegeli ab.
1. Erbgang
Nach dem Tod von (V10.5)Auguste Voegeli, am 11.04.1934, geht das "Kaffeestübli" je zur Hälfte an die Erben der Verstorbenen (ihre Geschwister).
Anfangs 1936 kommt die verwitwete (V10.2)Johanna Amalie von Radecki-Vögeli definitiv aus Riga in die Schweiz zurück. Sie ist am Besitz der Liegenschaft "Kaffeestübli" nicht beteiligt.
2. Erbgang
Am 26. September 1940 stirbt die Witwe (V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli. In der Folge verzichten gemäss Grundbucheintrag vom 16.07.1941 (Erbabtretung), alle Erben zu Gunsten der zwei Geschwister (V10.3)Anna ElisabethBeck-Voegeli (Ella) und (V10.8)Eugen Reinhold Konstantin Voegeli-Günther.
3. Erbgang
Nach dem Tod von (V10.3)Anna ElisabethBeck-Voegeli (Ella) am 7.11.1951 bleibt (V10.8)Eugen Reinhold Konstantin Voegeli-Günther als alleiniger Erbe zurück.
(V10.2)Johanna, Amalie von Radecki-Vögeli wohnt nun als 84-jährige zusammen mit der inzwischen auch 82-jährigen Frau Christine Bormann, ehemaligen Dienerin ihrer verstorbenen Schwester (V10.3)Anna ElisabethHefti-Voegeli (Ella), im Sunnahüüsli und bewirten im Kaffeestübli weiterhin gelegentlich Gäste mit Kaffee und baltischen Back-Spezialitäten und beherbergen hin und wieder besonders treue Pensionäre.
Verkauf des Sunnahüüsli
Kurz vor seinem Tod vom 18.07.1957 verkauft (V10.8)Eugen Reinhold Konstantin Voegeli-Günther am 1.06.1957 die Liegenschaft "Sunnahüüsli" an den benachbarten Hotelier des Hotels Tödiblick, Alexander Stuber.
(V10.2)Johanna, Amalie von Radecki-Vögeli, inzwischen im neunzigsten Altersjahr, behält ein lebenslängliches Wohnrecht. Bei ihr wohnt immer noch die muntere achtundachzigjährige Dienerin Christine Bormann.
Das Stammhaus der Familie Vögeli in Rüti
Auf dem Weg nach Braunwald zu unserem Familientreffen anlässlich meines fünfundsiebzigsten Geburtstages fuhr ich im Juni 2007 das erste Mal durch das Dörfchen Rüti. Nachdem ich im Grundbuchamt keine Auskunft erhalten konnte welches Haus die Familie des Auswanderers (V8.4)Balthasar Vögeli 1817 besessen hatte beschloss ich allen alten Quellen nachzugehen die einen Hinweis enthalten könnten. Fast ein Jahr lang studierte ich im Landesarchiv Glarus viele alte Dokumente die Hinweise auf frühere Besitzverhältnisse enthielten. Nachdem ich auf Grund anderer Dokumente herausgefunden hatte, dass ein jüngerer Bruder des Auswanderers (V8.4)Balthasar Vögeli, (V8.6)Georg Vögeli in Rüti das Wohnhaus Nr. 83 besessen hatte ging ich dieser Spur nach. In den meisten Dokumenten wurden für dieselben Liegenschaften und Häuser immer wieder andere Nummern aufgeführt. Am vielversprechendsten war dann ein Frageheft über das Grundbuch vom Tagwen Rüti von 1849 (Bibl.Nr.90 VII) sowie der dazugehörige regulierte Grenzbeschrieb der Liegenschaften, die Angaben über die Namen der Grundeigentümer sowie über die Eigentümer der anstossenden Parzellen enthielten. Damals wurden noch keine Pläne über das Grundeigentum geführt.
Wie beim Zusammensetzen eines komplizierten Puzzles meinte ich endlich herausgefunden zu haben welches Haus im Dorf Rüti unser Stammhaus sein musste. Stolz berichtete ich dies dem Archivar des Landesarchives Herr Mahler. Der setzte sich in der Mittagspause ins Auto und fuhr nach Rüti um meinen Fund zu überprüfen. Enttäuscht musste ich seine Nachricht entgegennehmen, dass das von mir bezeichnete Haus erst nach 1870 erstellt worden sei.
Das liess mir keine Ruhe. Ich entfernte in meinem Puzzle das Grundstück mit jenem neueren Haus und schlug es wieder dem Saatengut zu. Da hatte ich die Lösung. Nun stiess das Grundstück mit dem Vögelihaus im Nordosten an das Saatengut der Tagwen Rüti. Auf der anderen Seite, südöstlich des schmalen Erschliessungsgässchens lag nun das bekannte Schiesserhaus an der Geissgasse und vor dem Vögelihaus Nr. 83 und der Geissgasse lag der erwähnte kleine Vorplatz im Besitz von Nachbarn mit der Nr. 97/99.
Auf dem Grundstück mit der fortlaufenden Nr. 94 waren drei Objekte erwähnt: Ein Wohnhaus Nr. 83, ein Stall Nr. 264 sowie ein Platz ohne Nr. aber zu Haus und Stall zugehörend.
Nun konnte ich mit neuen interessanten Informationen zum Grundbuchamt. Herr Albin Hösli konnte mir nun bestätigen, dass das Haus mit der damaligen fortlaufenden Nr. 94 im Jahr 1849 (V8.6)Georg Vögeli gehört hatte und dass dieser der Sohn von (V7.2)Gabriel Vögeli sel. gewesen sei, also auch der Vater des Auswanderers (V8.4)Balthasar Vögeli. Im nachgeführten Grundbuch sind für das Wohnhaus neu die Nummer 187 und für den nordöstlich angebauten Stall die Nummer 188 aufgeführt. Die früher verwendete fortlaufende Nr. 94 für das Grundstück und die Nr. 83 für das Wohnhaus und Nr. 264 für den Stall waren im Grundbuch gestrichen worden. Freundlicherweise gab mir der Grundbuchverwalter auch die Adresse der aktuellen Hausbesitzer, eine Familie Höflich in Wollerau SZ.
Schweizerisches Rotes Kreuz.
In der Geschichte G2 (DVD Beilagen Ordner L_143_Geschichten), auf Seite 3 von (V10.6.1)Johanna Lilly Feldmann-Voegeli (Hansi) fand ich die Angabe, dass sie (am 12. Juni) 1919 mit einem Flüchtlingszug in die Schweiz gefahren sei.
Ich erkundigte mich Ende Juli 2007 beim Schweizerischen Roten Kreuz in Bern, ob dort Unterlagen betreffend einem Flüchtlingstransport im Jahre 1919 archiviert sind.
Am 7. August 2007 kam von Herr Roland Böhlen vom Archiv des SRK bereits eine Antwort. Er riet mir, mich an die e-mail Adressen Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder auch an die Gemeindearchive auf der Internetseite: http://www.vsa-aas.org_Archivadressen.241.0.htlm zu wenden.
Als Beilage sendete er mir einen Bericht auf Französisch über die Zusammenarbeit des Roten Kreuzes mit Russland:
"La Russie et la Croix-Rouge 1917-1945", von Jiri Toman, vom Institut Henry-Dunant, Genève 1997.
In diesem Bericht fand ich keine Hinweise auf den Flüchtlingstransport von 1919 in die Schweiz.
Archives fédérales suisses AFS.
Der Flüchtlingstransport vom 12. Juni 1919 von Riga in die Schweiz
Die empfohlene Anfrage beim Bundesarchiv war erfolgreich. Wenige Tage später Mitte Dezember 2007 erhielt ich von Frau Christine Lauener, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesarchives, Archivstrasse 24, 3003 Bern, ein dickes Kuvert mit vielen Unterlagen bezüglich des Flüchtlingstransportes vom 12. Juni 1919 aus dem Baltikum von Riga in die Schweiz:
- Liste der Transportierten,
- Liste der Hotelunterkünfte für die fünftägige Quarantäne in Basel, sowie einen
- Bericht über den Transport von Riga nach Basel.
Es war der Inhalt des Dossiers: E 2015 1000_129: vol. 51, Dossier 130
Sie machte mir das Angebot in Bern im Lesesaal noch folgende Dossiers einzusehen:
E 2200.66 1000_668: Dossier 259 (Antoine & Johanna Voegeli)
E 2200.66 1000_668: Dossier 461 (Johanna von Radecki-Voegeli) sowie
J 2.79 1971_143: Dossier 6284 betreffend Johann Carl Voegeli
Am 19.Mai 2009 machte ich mich auf nach Bern und setzte mich einen ganzen Tag hinter die für mich vorbereiteten Dossiers. Einige neue Informationen kamen hinzu, andere bestätigten meine bisherigen Erkenntnisse. Ich liess alles in die Familiengeschichte einfliessen.
Neu erfuhr ich, wer mit diesem Transport am 12.Juni 1919 in die Schweiz zurückgekommen war. Es waren die drei Geschwister Voegeli, (V10.3)Ella Beck-Voegeli, (V10.4)Marie von Nolcken-Voegeli und (V10.5)Auguste Voegeli, mit ihrem Vater (V9.4)Johann Balthasar Voegeli und dazu sein Bruder (V9.7)Paul Melchior Voegeli-Wollner mit seiner zweiten Frau Anna Julie Paula Wollner geb. Rabensee und die damals knapp 15 jährige (V10.6.1)Johanna Lilly Voegeli (Hansi). Es bestätigte sich damit meine Vermutung, dass (V10.2)Johanna Amalie von Radecki-Vögeli bei ihrem Mann Arthur in Riga zurückgeblieben war.
Osteuropäisches Institut an der Universität Zürich.
In einer Literaturliste über Schweizer Auswanderer stiess ich auf ein Buch, "Schweizer Käser im Zarenreich" von 1990 das ich mir erwarb und studierte. Allerdings fand ich wenige Angaben über das Baltikum. Im Quellenverzeichnis fand ich den Hinweis auf die Vereinigung der Russlandschweizer und auf EDV-Karteien der Russlandschweizer. Ein Besuch der Bibliothek am Osteuropäischen Institut an der Universität Zürich gab mir Zugang zu diesen Karteien die ich unter freundlicher Hilfe des Bibliothekars Daniel Ursprung dort am Computer durchsehen konnte. Allerdings ergaben sich keine neuen Erkenntnisse, im Gegenteil ich konnte feststellen dass meine Unterlagen teilweise vollständiger und richtiger waren.
Da hinten im Buch "Schweizer Käser im Zarenreich" ein Aufruf an Personen mit Unterlagen über Schweizer im Zarenreich von einem Prof. Dr. Carsten Goehrke enthalten war, kam ich der Aufforderung nach. Im Internet war seine Adresse rasch ermittelt.
Wir trafen uns zwei Tage später am Institut wo er mir mit grosser Freundlichkeit ausführlich sein grosses Russlandarchiv erklärte und mir anbot ich könne dort jederzeit über die Bibliothek Zugang erhalten. Noch habe ich dieses Archiv nicht weiter einbezogen. Es liegen noch so viele unbearbeitete Unterlagen auf meinem Arbeitstisch zuhause.
Informationen von Radecki-Forscher Dirk-Gerd Erpenbeck, Bochum
Nachdem ich bei meinem IT-Berater Thomas Huesser in Winterthur einige Einführungslektionen mit dem Programm YOOMLA genossen hatte ging ich an die Einrichtung einer eigenen Web-Seite. Die Adresse "huberhome.ch" hatte ich schon vor zwei Jahren sichern lassen. Im Laufe des Sommers 2010 begann ich die bis dann bearbeitete Fassung der Familiengeschichte Voegeli erstmals auf meine Web-Seite zu stellen im Wissen dass ich sie noch mehrmals überarbeitet werden müsste.
Gegen Ende Oktober meldete sich am Telefon ein Herr Erpenbeck aus Bochum in Deutschland und erkundigte sich ob ich L.R. Huber der Verfasser der im Internet publizierten Familiengeschichte Voegeli sei. Er sei Radecki-Forscher selbst nicht verwandt mit den Radecki aber vornehmlich interessiert am Schriftsteller Sigismund von Radecki der 1891 in Riga geboren wurde und von 1946 bis 1970 in Zürich gelebt hatte. www.balt-hiko.de/app/download/1700158014/Radecki.pdf
Er sei bei seiner Suche im Internet unter dem Stichwort "Radecki" auf meine Familiengeschichte gestossen und habe dort interessante Informationen gefunden. Er habe auch über unsere Familie verschiedenste Informationen gesammelt und würde diese mir gerne zustellen wenn ich Interessen hätte.
Ich war natürlich sehr Glücklich über diesen neuen Kontakt und bat ihn mir die Unterlagen zuzustellen.
Am 25. Oktober 2012 bekam ich von Herrn Erpenbeck ein e-mail mit vielen Unterlagen die er zusammengetragen hatte.
- Daten über einen Harry von Radecki-Lankenfeld, den ich aber nicht mit unserer Familie in Verbindung bringen
konnte.
- Daten über eine Familie Lankenfeld von ca. 1800 - 1830, die ich nicht mit unserer Familie in Verbindung bringen
konnte.
- Daten über die Voegeli aus der Schweiz. Diese Unterlagen waren für meine weitere Arbeit sehr wertvoll, da sie
wesentliche Details über die Familienmitglieder der Familien Voegeli und von Radecki enthielten, die mir erlaubten
meine Familiengeschichte zu vervollständigen.
- Foto und Text zu einer Pension von Radecki in Riga Jurmala (Dünengrundstück Majorenhof) die Heinrich (Harry) Carl
von Radecki gehörte (geb. 12.07.1854 in Riga, gest. vor 1910) und von seiner Frau Wilhelmine Melanie von Radecki-
Lankenfeld 1910 erworben wurde und als Pension für auswärtige Gäste betrieben wurde. Ein Zusammenhang mit
unserer Familie ist aber nicht bekannt. Darum nicht zu verwechseln mit der Pension von Radecki von Johanna von
Radecki-Voegeli in Bilderlingshof.
Zudem wies er auf ein interessantes Internetportal "RADURAKSTI" hin, das Zugang zu den Kirchenbüchern und weiteren Dokumenten in Lettland erlaubt, man müsse sich dort lediglich registrieren lassen.www.lvva-raduraksti.lv/de.html
Zum Schluss ermunterte er mich meine Arbeit am Schluss auch der Deutsch-Baltischen Geneaologischen Gesellschaft in Darmstadt zu schicken die sicher an meinen Unterlagen interessiert wären.
In einem weiteren e-mail machte er mich auf eine sehr interessanten Link aufmerksam, mit dem man Zugang zu den meisten Periodika aus dem Baltikum bekommt. Dieser Link sollte sich als die ergiebigste Informationsquelle zeigen. http://www.periodika.lv
Dort waren viele Angaben über Zeit während den Bauernaufständen in Lettland enthalten und zusätzliche Informationen über verschiedene Familienmitglieder. Sogar über wichtige aktuelle Beiträge über Wladiwostok und den Kanton Glarus waren zu finden.
Suche im Internet
Die Anregungen von Herrn D.G. Erpenbeck ermunterten mich die Informationsquellen im Internet vermehrt zu nutzen. So versuchte ich nun über alle Familienmitglieder zusätzliche Informationen zu ermitteln. Mich überraschte immer wieder was alles zu finden war. Was mich anfangs etwas erstaunte war dass ich auf meine Suchbegriffe immer wieder Ausschnitte aus meiner eigenen Arbeit zitiert bekam.
Ausstehende Untersuchungen und Abklärungen zur Familiengeschichte Voegeli. Stand 17.02.2014
Kaum ist die Arbeit beendet wird einem klar, wo noch Lücken vorhanden sind. Folgende Punkte wären noch zu ergänzen.
1. In Riga sollte der Standort des Bergengruenschen Siechenhauses besucht werden. Es wäre interessant zu wissen was an diesem Standort heute steht.
2. Bilderlingshof sollte besucht werden. Es ist denkbar, dass die alte Pension von Radecki am Grossen Prospekt noch steht. Wie sieht es heute an dieser Adresse aus.
3. In Kroppenhof weiss man nun wo das Schloss Kroppenhof gestanden hat und wo die Standorte der beiden, heute nicht mehr existierenden Gutshöfe Alt-Kroppenhof und Eichenhof lagen. Von den Lokalitäten könnten Fotografien gemacht werden.
4. In Riga könnte auf dem entsprechenden Amt die Güterlade der Schlösser eingesehen werden. Allenfalls könnte man dort noch Materialien zum Schloss Kroppenhof oder zu den Gutshöfen finden. Vielleicht liessen sich auch Fotosammlungen finden in denen das Schloss und die Gutshöfe festgehalten sind.
5. In Gulben bei Walk könnte man den Standort der alten Poststation Gulben suchen um festzustellen ob noch etwas von den alten Gebäulichkeiten vorhanden ist.
6. In Mitau könnte mit dem Stadtplan festgestellt werden wo überall die Familie von Günther gewohnt hat.
7. In Wladiwostok könnte man nachforschen ob an der Pushskinkaya 15/17 noch etwas von den zwei Mehrfamilienhäusern übrig geblieben ist.
8. In Chefoo wäre zu überprüfen ob das alte Wohnhaus, oder Teile davon, im Hafengelände noch stehen.
9. In Rüti/GL müsste das Wohnhaus der Auswanderer besucht und innen aufgenommen werden.
10. Es wäre interessant herauszufinden auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln die 1817 auswandernden Käser von Glarus nach Riga gekommen sind.