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4.4. Flucht von Riga nach der Schweiz                   

4.4.1. Flüchtlingszug des Schweizerischen Roten Kreuzes am 12.06.1919 von Riga nach Basel.
Die Flucht von Riga nach Basel. (DVD Beilagen Ordner, L_143_Quellen Originale, Q23.2KS. QO: L.R. Huber).
Die Lebensverhältnisse wurden während dem ersten Weltkrieg 1914 -18 und auch noch danach in Lettland immer schwieriger. Darum nahmen einige Mitglieder der Familie Voegeli die Gelegenheit wahr 1919 in die Schweiz zu fliehen.
Vom Schweizerischen Roten Kreuz bekam ich auf die Nachfrage ob über diesen Transport noch Unterlagen vorhanden seien einige Dokumente zugesandt, die über viele interessante Details Aufschluss geben.

Schon lange war auch den Schweizer Behörden die schlimme Lage der Auslandschweizer im Baltikum bekannt, doch wurde bisher nur sehr wenig unternommen um ihnen zu helfen. Es war für die Schweizer im Baltikum enttäuschend zu erfahren wie die Landleute anderer Nationen, wie Schweden, Engländer, Amerikaner und Franzosen von ihren Staaten schon während und besonders nach dem Krieg mit Geld und Naturalien versogrt wurden. Der Schweizer Konsul, der Industrielle Mantel der eigentlich in Riga residieren sollte hatte sich während dem Krieg nach St. Petersburg abgesetzt und alle konularischen Arbeiten einer seiner Angestellten, einer älteren Frau überlassen. Diese bemühte sich zu helfen wo sie konnte, aber ihre Wirkung war nur sehr beschränkt, da sie ja nicht der Konsul war.
Am 27. Mai 1919 telegrafierte das Konsulat Riga an das Auswärtige Amt in Bern, dass die Schweizerkolonie noch am Leben sei und dass die Frau von Konsul Mantel 20. Mai über Petersburg nach der Schweiz reise.

253.Beil.2.Bu.A.4.Fluchtl.Zug.Tel.1253.Telegramm vom Schweizer Konsulat in Riga an Schweizerische Gesandtschaft

Konsul Mantel wird darauf die Schweizer Behörden und das Rote Kreuz nochmals eindringlich über die schlimmen Zustände in Riga informiert haben. Darauf wurde beschlossen mit dem Roten Kreuz einen Flüchtlingszug für die Evakuation der Auslandschweizer im Baltikum zu organisieren. Ohne die Deutsche Gesandschaft in Berlin und das  Amt für Auswärtiges in Berlin im Voraus zu informieren wurde nun das Schweizer Rote Kreuz aktiv und sandte einen Flüchlingszug nach Riga um die Auslandschweizer zu evakuieren. Erst als die Flüchtlinge auf dem Weg nach Berlin waren wurde die Deutsche Gesandtschaft in Berlin und die Schweizer Amtstellen informiert.

254.1.Beil.2.Bu.A.4.Fluchtl.Zug.Tel.2.S1


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


255.1.Beil.2.Bu.A.4.Fluchtl.Zug.Tel.2.S2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



256.1.Beil.2.Bu.A.4.Fluchtl.Zug.Tel.2.S3254.1, 255.1, 256.1.Telegramm der Schweizer Gesandtschaft in Berlin an das Amt für Auswärtiges in Bern über den bald eintreffenden Flüchtlingszug

 

Vor der Abreise des Flüchtlingszuges der am 12.06.1919 Riga verliess wurden alle Reiseteilnehmer alphabetisch aufgelistet. Es waren insgesamt 87 Personen aufgeführt und zwar mit den unten angeführten Angaben. Darunter waren auch unsere Verwandten. (Q23.2KS.S1-S7) 250.Liste mit Beck, 251.Liste mit Voegelis

Nr.       Name.                                  Reisend nach     Beruf.             Alter.                 Wo findet die              Imatriculiert
                                                                                                                                          Person Unterkunft
Nr.   4, Beck geb. Voegeli Elisab.  Zürich.               Witwe.           17.06.1866.         Zürich.                         Matr. 88b             
auf Liste Seite 1
Nr. 64, Voegeli Johann sen.           Zürich.               ohne Beruf.   10.07.1837.         Zürich.                         Matr. 88               
Auf Liste Seite 2
Nr. 65, Voegeli Paul,                      Zürich.                ohne Beruf.   28.07.1847.        Zürich.                          Matr. 88a                         "
Nr. 66, Voegeli Auguste,               Zürich.                ohne Beruf.   12.02.1871.        Zürich.                          Matr. 68                           "
Nr. 67, Voegeli Anna,                    Zürich.                ohne Beruf.   20.01.1874.        Zürich.                          Matr. 68                           "
Nr. 79, Voegeli Johanna Lilly,      Zürich.                Schülerin.      25.06.1900.        Zürich.                          bei Verwandten              "

Zuhanden der Vereinigung der Russlandschweizer Zürich, wurde eine Liste der erwachsenen Mitglieder aufgeführt. (Q23.2KS.S8-S9)
Unter den etwa 40 aufgezählten Familienmitgliedern sind auf der ersten Seite auch jene der Elisabeth Beck-Voegeli und der Familie Voegeli enthalten.


265.1.L 143 Beil.12.Q23 2KS S8.1265.1.Liste der Flüchtlinge zu handen der Vereinigung der Russlandschweizer259.Beil.2.Bu.A.X.4.Fluchtl.Zug.Br.19.6.16.S1259-262.Bericht über die Verpflegung der Flüchtlinge auf der Fahrt von Riga nach Basel S1-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 260.Beil.2.Bu.A.X.4.Fluchtl.Zug.Br.19.6.16.S2261.Beil.2.Bu.A.X.4.Fluchtl.Zug.Br.19.6.16.S3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

262.Beil.2.Bu.A.X.4.Fluchtl.Zug.Br.19.6.16.S4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Territorialkommando IV der Sektion für Heimtransporte, Schweizerzüge aus Russland, erstellte am 17.06.1919 eine Ankunftsliste mit der Hotelzuteilung in Basel. Darin ist auch die Unterbringung unserer Familienmitglieder zu entnehmen. (Q23.2KS.S10-S14)

Die Ankömmlinge werden auf folgende Hotels verteilt: Bristol, Continental, Gotthard, Jura, und 5 Personen werden ins Spital verwiesen.
Unsere Verwandten werden gemäss Formular zusammen mit 27 Personen dem Hotel Bristol zugeteilt:  257.Hotel Bristol
Vögeli Paul              2 Personen (wahrscheinlich mit seiner Frau Anna)
Vögeli Johann         1 Person
Vögeli Auguste       2 Personen. (wahrscheinlich mit Johanna Lilly Voegeli)
Beck Elisabeth         1 Person

4.4.2. Nachträglicher Kredit für den Transport von Riga nach Basel
Aktenvermerk: B 31_4221_10 Nr. T 3554, (DVD Beilagen Ordner, L_143_Quellen Q23.2KS.S17)
Am 18. Juni schickt das Schweiz. Militärdepartement, Abteilung Transporte und Quarantänen an das Kommando Sektion für Heimtransporte Basel,
folgenden Brief: Original: 258.Check Bewilligung

"Betr. Schweizer aus Riga"
Bezugnehmend auf Ihre telefonische Anfrage vom 17. crt. teilen wir Ihnen mit, dass das Politische Departement,
Abteilung für Auswärtiges, den von Ihnen gewünschten Credit bewilligt hat. Wir senden Ihnen daher beiliegend
Fr. 10'000.- Check Bern,
deren Empfang Sie uns bestätigen wollen (in duplo). Sie verfahren im Rahmen der
Massnahmen welche bei den früheren Russlandschweizer - Zügen wegleitend waren & erteilen Sie uns separate
Abrechnung ebenfalls in duplo.
Im Ferneren teilen wir Ihnen mit dass das Politische Departement Herr Roggen
nach Basel dirigiert hat, versehen mit den nötigen Instructionen & wird der Genannte sich mit Ihnen in
Verbindung setzen.                                                            gez. Oberst Bodmer

                                                                                              Beilage: Check chargé
                                                                                              Eingangs Stempel 19. Juni 1919 Nr. 897

4.4.3. Bericht über den Heimtransport der Schweizer Flüchtlinge aus Riga, Basel den 19. Juni 1919
(DVD Beilagen Ordner, L_143_Quellen, Q23.2KS.S15-S16)         263.BerichtOriginal S1.    264.BerichtOriginal S2.

Dienstag den 17. Juni 1919 kamen die Schweizer aus Riga, im Ganzen 85 Personen, an der Schweizergrenze (Leopoldshöhe) an und wurden per Automobil nach Basel gebracht, um dort die übliche fünftägige Quarantäne durchzumachen.
Die Reise von Riga durch Deutschland nach der Heimat ging ohne Schwierigkeiten vonstatten, trotz der etwas plötzlichen Abreise aus Riga und der teilweise verspäteten Benachrichtigung an die Schweizerbehörden. Die Reisenden sind in vier Hotels in Basel untergebracht.
Der Gesundheitszustand ist ein relativ guter trotz der Leiden, welche sie durchmachen mussten. Ihre Berichte über Zustände während der Bolschewikenzeit sind haarsträubend und übersteigen an Rohheit und Willkür diejenigen aus Petersburg und Moskau um ein Vielfaches. Es ist dies auf den alten Rassenhass der Letten gegen alles Deutsche zurückzuführen.
Bei fast allen Reisenden ist hochgradige Unterernährung zu konstatieren, so dass sich das Baseler Fürsorge - Comité sofort namentlich der Kinder annahm und viele von ihnen nach Ablauf der Quarantäne in Basler Familien zur Auffütterung abgegeben werden.
An Geld haben die Reisenden nicht viel mitgebracht und haben auch nicht, wie die Russlandschweizer aus Moskau und Petersburg, schon früher Geld nach der Heimat senden konnten. Ausserdem war im Gegensatz zum centralen Russland keine Verdienstmöglichkeiten mehr vorhanden auch nicht auf dem Wege der Spekulation.
Gewechselt wurden ca. Rbl. 51'000.- d.h. nur 60% des erreichbaren Maximums (frs. 1'000.- p.Kopf), während bei Transporten aus Centralrussland die Frequenz stets annähernd 80% betrug. Bei vielen ist das gewechselte Geld ihr einziges, was sie noch besitzen und ist infolgedessen die Mutlosigkeit im Hinblick auf die Zukunft recht gross. Da sie auch nicht wussten, dass die Schweiz. Kreditoren - Genossenschaft auf Inventar - Verzeichnisse Vorschüsse gibt, sind sie auch nicht im Besitz von solchen und möchten das nun gerne nachholen. Der Verkehr nach Riga über Berlin, Tilsit, Schaulen, Mitau ist z. Zt. möglich und könnten Briefe dorthin befördert werden.
Einigen sind die Wohnungen ganz ausgeraubt worden, fast alle haben durch die beständigen Haussuchungen Wertsachen eingebüsst.
Die Kolonie in Riga besteht jetzt noch aus ca. 120 Personen, von denen viele wegen Mittellosigkeit nicht nach der Heimat kommen können, oder wegen Krankheit ihrer Angehörigen daran verhindert sind.
Die Entsendung von Lebensmitteln wäre dringend geboten.
Allgemein gleich gross ist die Enttäuschung darüber, dass Konsul Mantel die Kolonie in schwerer Zeit im Stiche gelassen hat um in Petersburg seinen Geschäften nachzugehen und dass er mit der Führung der Konsulatsangelegenheiten ein altes Fräulein betraute das der Sache in keiner Wiese gewachsen war.

4.4.4. (V10.6.1)Johanna Voegeli (Hansi), Bericht über den Flüchtlingstransport 1919 von Riga nach Basel und die erste Zeit in der Schweiz
Die Deutschen waren in Riga einmarschiert. Der Schweizer Konsul, Herr Mantel, stellte im Juni 1919 einen Schweizer Flüchtlingstransport zusammen. Der Arzt hatte Mami gesagt, dass meine Krankheit und die schwachen Lungen mich so sehr geschwächt hätten, dass sie mich mitschicken müsse. So sind dann: Grosspapa (V9.4)Voegeli, Onkel (V9.7)Paul und seine Frau, Tante Anna, Tante (V10.5)Gustchen, die Familie Fredy Streiff (mit 3 Kindern), Onkel Arthur Streiff mit Harry, dessen Mutter kurz vorher in Moskau an Typhus gestorben war und (V10.6.1)ich in einem grossen Viehwaggon mit eigenem WC fünf Tage lang bis nach Basel gereist. Ach, ich vergass zu erwähnen, dass Tante (V10.2)Hanna und (Gü4.3)Mami zurück blieben. Wir in unserem Viehwagen hatten es am besten weil wir nachts Matratzen auf den Boden legen konnten und richtig liegen. Unterwegs in Deutschland hat man uns auf allen grösseren Stationen Essen gebracht vom Roten Kreuz. In Basel mussten wir noch 5 Tage in Quarantäne bleiben, da bekam ich zum letzten Mal dieses Fieber. Onkel (V10.8)Conny holte uns zusammen mit Tante (V10.4)Marie am Hauptbahnhof Zürich ab. Sehr bald darauf sind Tante (V10.3)Ella, Tante (V10.4)Marie (die schon bei O. Conny gewesen war) und Tante (V10.5)Gustchen mit (V9.4)Grosspapa Voegeli-Drescher nach Braunwald gefahren, wo sie erste Unterkunft bei George und Matthies Streiff fanden.

4.4.5. Zwischen Basel und Braunwald
Es lässt sich auf Grund der vorhandenen Unterlagen nicht ermitteln genau wer, wie, wann nach Braunwald kam oder wohin die nächste Reiseetappe ging. (Q23.2KS.S8-S9) 265.Liste Original
Bei der Ankunft in Basel wurden in den Unterlagen der Vereinigung der Russlandschweizer folgende Zieladressen angegeben: (Nr. gem. Flüchtlingszug)
Nr. 4,                  Elisabeth Beck-Voegeli, Zürich, Akazienstrasse Nr. 8 (Bei ihrem Bruder Constantin)
Nr. 65, und 67  Paul und Anna Voegeli, Zürich, Freie Strasse Nr. 2

Bei welchen Personen die drei in Zürich Unterkunft fanden liess sich nur für Elisabeth Beck-Voegeli abschliessend ermitteln, die Einwohnerkontrolle der Stadt Zürich hatte nur die Angaben für die Akazienstrasse Nr. 8.
Für die übrigen:
Nr. 64, Voegeli Johann sen.
Nr. 66, Voegeli Auguste,
Nr. 79, Voegeli Johanna Lilly,
liegen keine Angaben vor. (Die Daten von Nr.64 und 79 sind teilweise falsch, Bemerkung vom Verfasser L.R. Huber)

Auszug aus dem Brief von Hansi Feldmann-Voegeli (Q9A.3 S.7):
Dann kam Onkel Conny aus Zürich und holte uns ab. Sehr bald darauf sind Tante Marie (die schon bei O. Conny war und offenbar schon früher in die Schweiz gereist war) Tante Ella und Tante Gustchen mit Grosspapa nach Braunwald gefahren, wo sie erste Unterkunft bei George und Matthies Streiff fanden. Ich durfte fast 2 Jahre bei Onkel Conny leben und war selig wieder zur Schule gehen zu dürfen.

4.4.6. Aufruf an die Schweizer in Amerika.
(DVD Beilagen-Ordner L_143_Bundesarchiv, L_143_Bu.A.Aufruf 1920 an Amerika.) Brieforiginale des Aufrufes: 266.S1, 267.S2, 268.S3, 269.S4,
Damit man sich ein besseres Bild machen kann, unter welchen Umständen die Schweizer noch 1920 in Riga leben mussten, füge ich hier einen Brief der Schweizerkolonie Riga an die Schweizer in Amerika an.

Riga, den 6.Januar 1920

Liebe Landsleute!
In unserer Stadt befinden sich noch 28 Männer, 29 Frauen u. 24 Kinder im ganzen 85 Schweizer Bürger fast durchwegs alle in Not.
Während die Landsleute im inneren Russlands bis zum Winter 1918 überall guten Verdienst hatten waren wir hier in Riga schon seit der Evakuation im Juni 1916 ohne Beschäftigung u. ohne regelmässiges Einkommen. Die Wohlhabenden zogen damals von hier fort. Nur diejenigen, denen die Bankguthaben gesperrt waren u. die ihre Immobilien u. Habe nicht gleich verkaufen konnten, waren mangels Barmitteln gezwungen hier zu bleiben. Nach und nach kamen aus Russland viele Landsleute als Flüchtlinge zu uns und nahmen unsere Hilfe in Anspruch. Dadurch sind die Mittel des ... und des ehemaligen hiesigen Schweizervereines vollständig aufgebraucht worden. Der Konsul R.H. Mantel hatte in Riga eine Maschinenfabrik, welche 1916 teilweise nach Petrograd, teilweise nach Ekaterinslan? überzusiedeln gezwungen war. Dadurch wurde er eines Tages gänzlich von uns abgeschnitten.
Die Rigaer Schweizerkolonie war mehrere Jahre ohne offiziellen Vertreter u. somit schutzlos. Alle unsere Hilferufe nach Bern blieben ohne Erfolg.
Während der Bolschewikenherrschaft vom Januar bis Mai vorigen Jahres haben wir alle unsäglich gelitten. Einige sind an Unterernährung, einige infolge erlittener Gefängnishaft gestorben. Aus Petrograd war die Gesandtschaft bereits im vorigen Februar abgereist. An deren Stelle trat eine von uns Mitgliedern die noch in Petrograd gebliebenen Schweizern "Chancellerie provisoire pour les affaires consulaires de la Legation Suisse en Russie" in Funktion, welche den Rest der noch in Russland weilenden Landsleute entweder via Moskau über den Süden oder via Petrograd - Finnland - Schweden fortschaffen wollte. Ein Delgierter, Herr Weingart, kam zu uns und brachte zu diesem Zwecke 10'000 Rubel Spende der Petrograder Schweizer. Gerade bei Anwesenheit dieses Delegierten wurden die Bolschewiken gezwungen Riga zu verlassen und auch Herr Weingart kehrte nach Petrograd zurück. Mit der uns überlassenen Spende veranstalteten 42 Landsleute von Riga aus direkt über Deutschland einen "Schweizerzug", der bewilligt wurde und in 5 Tagen wohlbehalten in Basel eintraf. Von der Spende blieb hier nicht eine Kopeke zurück. Die jetzt noch in Riga ansässigen Schweizer waren es fast alle auch schon vor dem Kriege.
Ein Teil ist alt, transportunfähig, hat hier Töchter an einheimische verheiratet, Grosskinder, die man einfach nicht im Stiche lassen kann. Alle haben mehr oder weniger etwas ........das naturalisiert und unverkäuflich war und von deren langsamen Einzelverkauf sie jetzt ihr Leben fristen. Nach Abzug der Bolschewiken hofften sie alle auf Besserung der Verhältnisse. Einstweilen hat sich die Hoffnung nicht erfüllt. Bis auf einige Wenige haben wir keinerlei Verdienst. Die Teuerung wächst mit jedem Tag. Keiner hat ein ganzes Paar Schuhe. Unsere Kleider sind nochmals umgedreht, unsere Wäsche zu Lumpen geworden. Da Holzpreise unerschwinglich, sitzen die Meisten in ungeheizten Wohnungen. Zu alledem kommen aus Russland beständig immer noch Flüchtlinge hinzu, meist vollständig kahl ausgeplündert. Von der Schweiz sind wir augenblicklich ganz abgeschnitten. Correspondenz dorthin und zurück dauert ein halbes Jahr. Keinerlei Transportmöglichkeit ist vorhanden. Die Reise einzelner Personen, auf dem Landwege ist mit Lebensgefahr verbunden, würde heute mindestens 3000 Rubel per Person, auf dem Seewege 200 - 300 Kronen, aber ebensoviel kosten. Derartige Kosten sind wir ausser Stande aufzubringen.
Reichsdeutsche Civilisten erhielten die ganze Kriegsdauer und auch heute noch regelmässig Geldunterstützung vom Staate. Dänen, Schweden, Norweger und Holländer werden schon seit Jahren mit Nahrungsmitteln und Kleidern versorgt. Die einheimischen Armen und Kinder werden von der amerikanischen Mission in grosszügigster Weise genährt und gekleidet. Aus allen Staaten schicken ausgewanderte Hiesige grosse Geldmittel an ihre Angehörigen.
Nur für uns arme Schweizer in Riga tut niemand etwas.
Obwohl die Schweizer Presse zu Anfang des Krieges posaunte, wie viel Gutes man bei uns in der Heimat für die Notleidenden in den Kriegsgebieten tue, haben wir leider nichts davon zu merken bekommen. Weder der Bund, noch Kantone, Gemeinden oder Private haben uns bis Dato etwas gegeben, obwohl doch genügend bekannt sein muss, in welcher Lage wir uns hier befinden. Es hat allerdings der Anschein, als ob sich die Verhältnisse in der Heimat auch verschlechtert hätten und die Freude am ewigen Geben zu versiegen beginnt. Wir armen Schweizer in Riga haben zu lange gewartet. Wir verkaufen jetzt Stück um Stück unserer letzten Habe und stehen vor dem unlösbaren Rätsel: Wie werden wir die Wintermonate überstehen?
Da naturgemäss nur dem gegeben wird, der etwas erbittet, mache hierdurch Appell an die guten Herzen unserer, in geordneten Verhältnissen, im grossen, freien, und stets hilfsbereiten Amerika wohnenden Landsleute, bitte dieselben gütigst einige hundert Dollars zusammenzulegen, durch die amerikanische Mission, dem Schweizer Consulat in Riga zu unserer Verfügung zu überweisen und uns zu helfen den schweren Winter zu überleben. Herzlichsten Dank im Voraus.
Abrechnung, wer und wozu etwas von dem gespendeten Gelde erhalten, werde öffentlich oder auf Wunsch jedem einzelnen Geber geben.
Im Namen der Rigenser Schweizerkolonie

Gustav Heinrich Trueb
von 1898 an hier gewesene Kaufmann, IIA Gilde der Handel.......
geboren 1863 in Zollikon Ct. Zürich, wohnhaft in Riga, Marienstrasse 42 W.19

4.4.7. Aufruf der Schweizerkolonie in Riga an die Schweizer Regierung
Es herrschten seit der Russischen Revolution in Riga entsetzliche Zustände. Sie Schweizerkolonie fühlte sich von der Schweizer Regierung völlig vernachlässigt. Andere Kolonien von Landsleuten aus Schweden oder Grossbritannien, wurden seit Monaten mit Geldspenden oder anderen Hilfsgaben unterstützt. Aus der Schweiz kam nichts. So setzten Mitglieder des Schweizer-Vereins am 12. Januar 1920 ein Bittschreiben auf und sendeten dieses an das Schweizerische Konsulat.

270.Beil.2.Bu.A.4.Rigazustande.20.1.S1270.Klage der Auslandschweizer über die Zustände in Riga S1

 271.Beil.2.Bu.A.4.Rigazustande.20.1.S2271.Klage der Auslandschweizer über die Zustände in Riga S2